artAkus - Aphorismen, Apercus & Philosophische
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Ute Becker |
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Sie zitieren – unter Angabe des Autorinnennamens „Ute Becker“:
Ute Becker
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Ute Becker
Flügelschlag
Wenn ein Stadtmensch einen Schwarm Stare beim
Abflug hört, regt er sich über tausendfaches Schreien und Flügelschlagen auf.
Für ihn ist das Lärm. Tausendfaches Grölen von Menschen ist ihm willkommen.
McDonalds
Ein Sonntag im September 1999 - Geltow, Baumgartenbrücke.
MacDonalds veranstaltet am Wasser eine so genannte „Spaß-Party“ für Kinder. Das
bedeutet Bouletten und dröhnend laute Musik. Alle - Eltern und Kinder - sitzen
herum und lassen sich mit der ungesunden Musik und den ungesunden Bouletten
vollstopfen. Wie soll man diesen akustisch so versauten Kindern noch ein
Bedürfnis nach Ruhe vermitteln?
Sound
Die Crux ist, dass sich durch die
Apparatemusik das Hörverhalten fast aller Menschen zu den tieffrequenten Tönen
hin verschoben hat. Das trifft nicht nur auf die Jugend zu; der Jugend
allerdings wird der „Sound“ als Lebensgefühl
verkauft. Der Sound, die vibrierende Atmosphäre, das Aufstören anderer
Menschen – der Schall als Waffe.
Funkausstellung
Internationale Funkausstellung 1999 in Berlin:
Schon vor dem Messegelände kochte die Atmosphäre. Die Autofahrer
demonstrierten, welche potente Anlagen sie sich seit der letzten IFA zugelegt
hatten. Das Haus des Rundfunks hatte leichte atmosphärische Störungen zu
vermelden. Die IFA-Kakophonie wird ab 2005 jedes Jahr stattfinden.
Kapitalismus/Vergnügungsindustrie
Die Jugend, die so gegen Kapitalismus,
Imperialismus und ähnliches wettert, verschließt die Augen davor, dass gerade
die HiFi-Industrie ein hochkapitalistischer, imperialistischer Wirtschaftszweig
ist. Keine menschliche Siedlung ohne Radio, TV, Verstärkeranlage.
Einsame
Insel
Am 1. September 1999 wurde im SFB Frauenfunk
gemeldet, dass einer Umfrage zufolge jedes zweite deutsche Kind auf eine
einsame Insel sein Radio und TV mitnehmen würde. Die Schönredner werden sofort
antworten: „Beruhige Dich! Auf einer einsamen Insel gibt es doch keinen Strom!“
Ich hingegen antworte: „Die Energieversorgung ist in absehbarer Zeit kein
Problem mehr. Solarenergie wird an jedem Ort der Erde und ihres Orbits für
ausreichend Strom zum Betrieb von Tonwiedergaberäte sorgen. Dafür wird die
HiFi-Industrie schon sorgen. Hat sie doch ein Interesse an der flächendeckenden
Versorgung der Menschen mit irgendwie gearteter Tonwiedergaberäten. Heute sind
50 % der Kinder süchtig nach Tonwiedergabe. Morgen werden es 100 % sein. Die
Tonwiedergaberäte werden immer potenter werden. Ich habe Angst vor der
kommenden Generation
Die ersten Computer werden in Kleidung
eingenäht und auf den Laufsteg geschickt. Die Russen arbeiten an einem
Sonnensegel, das die Erde in der Nacht erhellen soll. Warum nicht einen
Sonnenlautsprecher, der die Erde von oben beschallt? Eine amerikanische
Raumkapsel wurde mit einem Beatles-Konzert akustisch vollgestopft.
Apropos: Gibt es überhaupt noch „einsame
Inseln“?
Gesamtfete
Meldung der Morgenpost vom 29.8.99: „Ganz
Berlin eine Fete“. Gerade noch gelingt es, den dröhnenden Berliner Gesamtfeten
zu entfliehen. Wann werden sie in jedem Wohngebiet angekommen sein?
Ghettos
Die gleichen Menschen, die gegen Ausgrenzung
Einzelner, gegen Diskriminierung von Randgruppen wettern, sind die ersten, die
diese Hebel ansetzen, wenn es darum geht, hörbewusste Menschen, die sich gegen
Lärm wehren, auf das Land hinaus zu komplimentieren. Früher wurden Unbequeme,
Außenseiter, Dissidenten in die Verbannung geschickt. Hoffentlich gibt es um
die Ghettos der Zukunft hohe Schallschutzmauern.
Schall
schallt
Menschen sind sich durchaus bewusst, dass
Stimmen sehr weit tragen können. Sie exerzieren das zum Beispiel in Stadien. Die
Stimme entwickelte sich zu dem Zweck, in Entfernungen gehört zu werden. Aber
diese Entfernungen gibt es in Ballungsgebieten, in Mehrfamilienhäusern kaum
noch. Was wäre die Konsequenz?
Gleichzeitig leugnen Menschen die
Reichweite ihrer Tonwiedergabegeräte. Hier wollen sie uns glauben machen, der
Schall käme drei Meter hinter der Quelle zum Stehen oder zum Versiegen. Kommt
er nicht. Schall schallt so lange und so weit, wie er nicht daran gehindert
wird.
Propheten
Meine Warnungen hinsichtlich der Inflation und
des Schädlichkeitscharakters von verstärkter „Musik“ werden zu meinen
Lebenszeiten nicht ernst genommen werden. Der Mensch kann nicht nachvollziehen,
dass so genannte technische Errungenschaften,
wie Radio, Lautsprecher, Verstärker und andere Tonwiedergaberäte sich zum
Schädling entwickelt haben sollten. Musikapparate sind dem Menschen an den Leib
gewachsen.
Cato
modern
„Cetero censeo, das Ohr esse delendam“.
Jugendliche sind der Meinung, dass das Ohr nicht mehr zum Überleben notwendig
sei. Sie haben Recht. Die moderne Gesellschaft hat eine Umwelt geschaffen, in
dem das Ohr eher Last ist als Sinn macht. Aber ich habe noch Ohren und zwar
gute. Rette mich, wer kann.
Diktatur
Diktaturen bedienten sich immer der Lautstärke
für ihre Diktate. Seit 80 Jahren ist das über Tonwiedergaberäte, Verstärker und
Lautsprecher, möglich. Die Ideologie des Dritten Reiches konnte wegen des
Radioempfanges so erfolgreich verbreitet werden. Lautgestellte
Volksempfängerempfang sollten aus offenen Fenstern der Wohnungen schallen. Nach dem Zusammenbruch dieses
"Reiches" sollte auch die Diktatur des Radios gebrochen werden.
Der Gesetzgeber verbannte den privaten Radioempfang in die Wohnung und
verordnete den Empfang bei Zimmerlautstärke. Heute ist diese Segnung durch
potente Anlagen in Gefahr geraten.
Beschleunigung
Kein Buch über ökologische Katastrophen,
Prognosen, Abhandlungen etc. ohne die Feststellung, dass sich im vergangenen
Jahrhundert alles - ausnahmslos alles - beschleunigt habe. Dass das auch auf
Schall und Lautstärke von Massenveranstaltungen zutreffen müsste, wird
verdrängt. Der Lärm scheint die Ausnahme von
der Regel zu sein. Lautheit ist die heilige Kuh des Menschen.
Ambivalenz
Hundebesitzer erachten den auf der Straße
liegenden Kot ihres Hundes nicht als Dreck. Autofahrer erachten die von ihrem
Wagen erzeugten Luftschadstoffe nicht als Gestank und Luftverschmutzung.
Betreiber von Beschallungsanlagen erachten die weit in die Umgebung schallenden
Resttöne und Musikruinen nicht als akustischen Müll. Besitzstand macht blind
gegen dessen Schadstoffe. Aber alle sind ja so sensibel gegen die Schadstoffe
der Mitmenschen.
Wärmesinn
Warum ist der "Wärmesinn" des
Menschen nicht bekannt. Der Mensch ist fähig, Wärmegrade zu empfinden, feine
Unterschiede in der Lufttemperatur festzustellen. Nicht nur Kälte und Hitze und
Frost und Eis und Feuer. Es geht um Schwankungen der Luftmoleküle. Bewegte
Luftmoleküle erzeugen Wärme, die der Mensch wahrnimmt und empfindet. Die
Wertung ist wie bei allen Sinneswahrnehmungen unterschiedlich, individuell
verschieden. Ein Fußballfan, der sich inmittten eines gefüllten, brüllenden,
röhrenden, dröhnenden, kreischenden, schreienden Stadions wohlfühlt, braucht
viel Wärme, braucht diese "kochende" Atmosphäre für sein
Wohlbefinden. Andere gehen daran zugrunde, fallen um, werden ohnmächtig,
bekommen Herzschmerzen u.a.m. Vergleichbar einer Sauna mit einem 100 Grad
heißem Raum. Niemand würde einen anderen Menschen zwingen, in diesem Raum zu
verweilen, wenn er nicht will. Großstädte, die moderne Gesellschaft,
Ballungsgebiete schicken sich jedoch an, diesen Zwang auszuüben:
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