Ute Becker – die
Essayistin
Urheberrechte und Copyrights verbleiben bei der Autorin
Ute Becker.
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Essay 1 |
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Ute Becker |
Ute Becker |
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Der Untergang meiner Insel Westberlin Ute Becker |
Ute Becker |
Die Erde und ihre Peiniger oder das Zeitalter des
Verzichts Ute Becker |
Ute
Becker
Mit
einem japanischen Bassgenerator in Chicago begann 1988 das, was seit 16 Jahren
in Berlin tobt: die Love Parade. "
Die
Politprominenz ist begeistert über die Berlin-Werbung. Gereichte ihr die Love
Parade 1989 auf ihrem sakrosankten Ku'damm noch zum
Ärger, so lieferte sie 1995 schon Beschallungs-Anlagen mit 90.000 Watt
Verstärkerleistung. Heute dröhnen niedliche, friedliche 1,5 Millionen Watt bis
hinter den Lehrter Bahnhof. Die Love Parade strahlt
über Berlin hinaus und sie bombt nach Berlin hinein. Das kennen wir.
Auch
die BZ ist begeistert und erlässt 10 Gebote für anständige Raver.
Gesegnet sei Gott Dr. Motte. Ruft er doch an der Siegessäule sein Raver-Volk auf, alle zu lieben, sich die Hände zu reichen
und das Glück zu suchen. Was unter dem massenhaften Drogeneinfluss übrigens
kein Problem ist. Dr. Motte, dem Rattenfänger von Berlin, beliebt es, viele
hunderttausend Menschen zu einer bombigen Familie zusammenzusippen.
Alle
Behörden zeigen sich paradenfreundlich: Das Metereologische
Institut betet um Sonne. Der Umweltsenator hält sich im Hintergrund, und der
Kultursenator bedeckt. Dem Innensenator bedeutet die Parade immer noch
politische Demonstration. Die Polizei schützt eine umwerfende Mehrheit vor
einer ewig nörgelnden Minderheit. Die Sozialsenatorin bezeugt Verständnis,
sogar für den gigantischen Missbrauch chemischer Drogen.
Aufgefahren
werden 50, an sich schon dröhnende, tonnenschwere Tieflader mit Lautsprecherboxen
von mindestens 30.000 Verstärkerleistung, betrieben von 50, an sich schon
dröhnenden, Generatoren. Mehr als 1,5 Millionen Watt Schall- und
Verstärkerleistung werden in den Himmel über Berlin gedröhnt, nicht mitgerechnet
der andere Krach. Sogar ein 30 Tonnen schwerer Panzer begleitete einst diese
Straßen-Armada, besetzt mit dem Berliner Ensemble und Jacques Lang. 30.000 Watt
hämmerten Brecht-Verse auf die Menge. Völker, hört die Signale! Literatur
wurde zum Sound. Wer Texte nicht hören will, muss sie fühlen. Beide Teile der
Stadt sind ihrer Militärparaden verlustig gegangen, da springen schon mal die
30- bis 40-Jährigen ein mit ihrer Ignoranz der späten Geburt. Sie kennen das
Inferno des Krieges nicht und holen es sich freiwillig ins Haus.
Die
zeitgleichen Fuck- und Hate-Paraden
sind ehrlicher. Sie schlagen mit ihren aggressiven 400 Beats per Minute auf
alles ein, was ihnen im Weg steht.
Tragikomisch
aber sind die Raver oder die Tinnitus-Liga,
die glauben, Gehör und Organismus durch Pfropfen im Ohr vor einem derartigen
Beschuss schützen zu können.
Sonderzüge
nach und von Berlin werden zu rollenden Discos, Zuglautsprecher pulsen 200
Beats per Minute auf die Fans. In Etappenstädtchen oder an Unfallstätten auf
der Autobahn werden Love-Parade-Quickies auf die
Straßen gelegt: Hecktür, Verdeck und Scheiben geöffnet, und schon wummern
potente Anlagen monotone Bässe in die Provinz. Straßen und Parkplätze werden
zur akustischen Vorhölle. Keiner stellt auf Bitten die Anlage leiser. Der Sound - die Waffe. Wo liegt der
Unterschied zwischen randalierenden Fußballfans und den Fans, die ich
beobachtete? Die obligate Bierdose in der Hand, grölten und pöbelten sie sich
durch die Straßen und die Menschen und soffen weiter.
Also:
Nachdem die Paraden über uns grollen - jedes Jahr einen Tag früher - und
zurückrollen - jedes Jahr einen Tag später -, könnten wir uns doch ein Jahr
lang entspannen, die Behörden die Urin-Liter, die
Kot-Zentner, die Müll-Tonnen zählen lassen. Wir könnten den BUND die
schallgetöteten Vögel und die bebengeschädigten Kleintiere
zählen lassen, Naturschützer und Anwohner wegen der Grünanlagen obligate
Klagen anstimmen lassen, die Ärzte Hörstürze und Tinniti
behandeln lassen, die BZ den Friedensnobelpreis an Dr. Motte vergeben lassen
...
Aber
können wir das wirklich? Warum dieser Nachruf? Die Antwort ist: Die Love Parade
verlässt uns keine Minute, sie weilt mitten unter uns!
Die
militanten Liebesanbeter bedienen sich eines akustischen Apparates, dessen
Verstärkerleistung von Jahr zu Jahr fühlbar gesteigert wird. Jede Love Parade
legt mit jedem Jahr neue Maßstäbe und Schwellen für das Hörverhalten der Teilnehmer,
für den Rhythmusgeschmack und die Lautstärke der Beschallung fest. Mit
steigender Verstärkerleistung sinkt die Hemmschwelle für den Konsum an Lautstärke.
Das Jahr hat 365 Tage, und an jedem Tag des Jahres begegnen wir dem Resultat
dieser Hemmungslosigkeit. Teilnehmer der Love Parade sind Nachbarn überall.
Im Laufe des Jahres wollen sie natürlich das aus ihren privaten Anlagen
herausholen, was ihnen HiFi-Technik und Love Parade vorgegeben.
Das
Problem sind also die anhaltenden akustischen Folgeerscheinungen jeder Love
Parade. Mich erzürnt das durchaus Nachhaltige dieser jährlichen Veranstaltung.
Auch
die Nähe des Massenereignisses Love Parade zu anderen Massenereignissen gibt
mir zu denken. Der Vergleich mit dem verblendeten, exstatischen Tanz um das
Goldene Kalb drängt sich auf. In der Masse hat das Individuum eine andere
Psychologie. Sein Großhirn ist blockiert. Monotone Musikrhythmen sprechen
Zwischen- und Stammhirn direkt an, waren eh und je der unmittelbarste Weg, die
Menschen gleichzuschalten. Der Parademarsch führt den einzelnen Soldaten mit
dem Heereskörper auf das Schlachtfeld.
Alle
Verführer und Anführer wissen um die Manipulierbarkeit des Menschen durch
Lautstärke und monotone Rhythmen. Die Ausschaltung des Neokortex durch die
Gleichschaltung der Bewegung. Die Musik als Droge.
Vor
"AcidHouse", vor "Tekkno",
war die chemische Droge "Ecstasy" da. Im
Rausch von Ecstasy
tobte man sich in den Rausch der Bässe von AcidHouse. Die von mir so
genannten "akustischen Beate-Uhse-Vibrationen"
erfordern - in ihrer extrovertierten, pornographischen Natur - zur Befriedigung
immer weitere Steigerung. Bis der Organismus streikt, sei es durch Hörstürze,
durch Schwerhörigkeit, durch Stresserkrankungen.
Ist
es nicht höchste Zeit, zu fragen, wer unwidersprochen wie lange, wie oft und
mit welchen Mitteln wie viele Menschen wie Puppen tanzen lassen darf? Welchen
Verführern geht die heutige Demokratie mit ihrer kurzsichtigen Toleranz auf den
Leim? Welche Zukunftsgesellschaft will die Demokratie heranziehen:
Schwerhörige, selbstverliebte, drogenabhängige, laute Dauertänzer und Wirmenschen - oder mündige Individuen, die sich dem
"Mitlaufen" entziehen?
Stimmt
es, dass die Love Parade 2000 durch Villenviertel in Grunewald, Zehlendorf,
Potsdam und Babelsberg führen soll?
©
Copyrights by Ute Becker – Berlin
Veröffentlicht
in:
Die Bonner
kommen,
Hrsg. Schon u.a., Jaron Verlag GmbH, Berlin 1998,
3-932202-59-7, 9,-- €uro
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