Ute Becker – die
Essayistin
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Essay 6 |
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Der Untergang meiner Insel Westberlin Ute Becker |
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Die Erde und ihre
Peiniger oder das Zeitalter des Verzichtes
Ute
Becker
"Es
gibt keine objektive Notwendigkeit mehr, ein Kind zu haben." - Anonymus
Globale
Gerechtigkeit?
1991
betrug der weltweite Energieverbrauch pro Kopf 2,029 kg SKE. Insgesamt
verbrauchte die Menschheit in jenem Jahr bereits 10,966 Milliarden Tonnen SKE.
1991
betrug der Energieverbrauch des Kontinents Nord- und Mittelamerika 3,278
Milliarden Tonnen SKE, der des Kontinents Südamerika 0,324:
Also hatten Kanada,
USA und Mittelamerika den zehnfachen Energieverbrauch von Südamerika.
1991
betrug der Energieverbrauch des Kontinents Europa (ohne GUS) 2,337 Milliarden
Tonnen SKE, der des Kontinents Afrika 0,269:
Also hatte Europa den
zehnfachen Energieverbrauch von Afrika.
Diese
Schere klafft noch weiter auf beim Vergleich des Pro-Kopf-Verbrauchs
kommerzieller Energie:
Auf
einen US-Amerikaner kamen 1991 durchschnittlich 10.921 kg SKE Verbrauch
kommerzieller Energie, doppelt soviel als ein Franzose, 15 mal so viel als ein
Ägypter, 520 mal so viel als ein Mensch aus dem Tschad.
Die
5 größten Energieverbraucher waren 1991: USA mit 2.757,8 - die ehemalige UDSSR
mit 1.867,3 - die VR China mit 933,0 - Japan mit mit 589,6 - Deutschland mit
509,2 Millionen Tonnen SKE. Somit gehören wir Bundesdeutschen zum "Club
der Wahnsinnigen", in vielem deckungsgleich mit den G7, heute G8.
Als
letzte Vergleichszahlen im durchschnittlichen Energieverbrauch der Erdenbürger:
1992
verbrauchte ein US-Amerikaner durchschnittlich 7.626 kg ÖE/EW
1992
verbrauchte ein Bundesbürger durchschnittlich 4.358 kg ÖE/EW
1992
verbrauchte ein Bürger von Sambia 158 kg ÖE/EW
1992
verbraucht ein Bürger des Senegal 111 kg ÖE/EW
1992
verbrauchte ein Bürger von Somalia durchschnittlich 7 kg ÖE/EW
SKE
= Steinkohleeinheit ist die durch den mittleren Energiegehalt von 1 kG
Steinkohle (29.400 kJ = 7.000 kcal) definierte technische Energieeinheit.
ÖE/EW
= Öleinheit/Pro Einwohner.
Alle
Zahlen entstammen dem Fischer-Weltalmanach des Jahres 1995.
Können
Sie sich vorstellen, ein Dreißigstel der Energie zu verbrauchen, die Ihren zur Verfügung
steht? Das könnte ungefähr so aussehen:
>
Die Straßenlaternen würden von 30 Stück auf 1 Stück reduziert. Straßen,
Autobahnen, Tunnel, Denkmäler, Behörden wären 30 mal weniger beleuchtet.
>
Statt der gewohnten 60 Busse und Bahnen am Tag würden nur noch 2 Busse eine
Linie abfahren.
>
Die Klimaanlage im Großraumbüro würde nur einmal im Monat angeschaltet.
>
Schlachthäuser würden geschlossen und Schlachttage fänden nur einmal im Monat
statt - wie früher auf dem Dorf.
>
Ihre Tageszeitung würde zu einer Monatszeitschrift.
>
Flugbenzin würde ebenfalls rationiert und als Reisemittel gestrichen.
>
Sie könnten nur noch einen Landausflug machen anstelle der garantierten 30
Exkursionen im Jahr.
>
Sie müssten sich Ihren PkW mit 29 anderen Bundesbürgern teilen.
>
Sie dürften nur noch 10 Liter Sprit in der Stadt verfahren statt Ihrer 300 Liter, nur noch 100 Km
Stadtfahrten machen statt Ihrer 3.000
Km.
>
Die Müllabfuhr käme nur zwölfmal im Jahr und nicht 2 Mal pro Woche.
>
Ihnen stünden nur noch 5 Liter Wasser/Tag zur Verfügung statt Ihrer 150 Liter.
>
Sie könnten Ihre Stammkneipe nur noch einmal im Monat statt des angestammten
täglichen Besuches aufsuchen, weil es an Heizung, Lüftung, Zigaretten, Bier und
Bouletten fehlen würde.
>
Wir Deutsche leerten zuhause jährlich nur
noch 200 Mio Getränkedosen statt der 6 Milliarden, wenn überhaupt noch.
>
Sämtliche Kosmetikartikel auf Erdölbasis würden eventuell 30 Mal teurer.
>
Blumen und Topfpflanzen kämen nicht mehr aus niederländischen Treibhäusern,
nicht mehr aus Ecuador, Venezuela, Kolumbien, Kenia.
>
Es gäbe quasi keine ausländischen, überseeischen Produkte mehr.
>
Die Wäsche könnte nur monatlich einmal oder nur mit Muskelkraft gewaschen.
>
Die Chemische Reinigung könnten Sie ganz vergessen.
>
Sie dürften sich nur ein Paar Socken kaufen statt Ihrer 30, das sie dann wie
früher stopfen müssten. Sie hätten nur ein Hemd und ein T-shirt im Schrank,
nicht 30.
>
Ihre 150 qm großen Single-Wohnung wäre von einer 30-köpfigen Großfamilie
belegt.
Können
Sie sich derartige Abstriche an Ihr Konsumverhalten, an Ihren Luxus, an Ihren
Energieverbrauch vorstellen? Der Prokopf-Energieverbrauch des Systems BRD ist dreißigfach höher als
der des Systems Sambia, Senegal,
Somalia. Mein Szenario macht hoffentlich die beliebigen Abstriche aus unserem
täglich garantierten Lebensstandard vorstellbar. Die Wirklichkeit sähe sicher
anders aus. Vielleicht finden wir eine solche Wirklichkeit in dem
autobiografischen Roman "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz aus
einer Zeit vor 200 Jahren vor.
Ein
US-Amerikaner müsste sein Vorstellungskraft sogar bis ans Absurde strapazieren,
wenn er sich eine global gerechte Energie-Verteilung vorstellen sollte. Wie
kann er sich vorstellen, dass er quasi im Dunkeln leben sollte? 70 % seiner
Außenbeleuchtung werden sinnlos in die Nacht geschickt. Die Erste Welt ist von
oben an ihrem Lichtschein zu erkennen.
Das
deutet Prof. Bernhard Verbeek in einem Absatz in "Energie als narzistische Nahrung" an: "... hat der
Durchschnittsamerikaner 12 kW technische Energie neben sich herlaufen, obgleich
der biologische Energiebedarf nur um die 100 Watt liegt. Man feiert diese
Verschwendung als "100 technische Sklaven" für jeden
Durchschnittsmenschen dieses Landes. Energie zur Hofhaltung, Energie als
narzistische Nahrung. ... " Die USA emittieren dadurch so viel Schadstoff
wie alle Entwicklungsländer zusammen.
Ihr Sauerstoffverbrauch ist größer als die Sauerstoffproduktion durch ihre
Vegetation. Die USA leihen sich bereits jetzt ihre Atemluft.
Ein
Beispiel für den maßlosen Energieverbrauch der Ersten Welt zeigt sich auch in
der Faustregel: Die Bereitstellung eines Kilogrammes Fleisch erfordert 10
Kilogramm Getreide. Die tägliche Fleischration in unserem Speisplan wird vor
diesem Wissen unverantwortlich.
Mein
recht hilfloses Szenario stellt sich uns als Horror dar, als Wiederholung der
Zeit nach den beiden Weltkriegen, bei dem sich Zeitzeugen noch die Nackenhaare
kräuseln, und doch spielt es sich durchschnittlich jeden Augenblick
in Ländern wie zum Beispiel Madagaskar, Tschad, Sambia, Senegal, Somalia,
Mauritius u.v.a.m. ab.
Ihnen
sind vielleicht andere Zahlen geläufig, wie z.B. "13,7 % der
Erdbevölkerung verbrauchen 13 mal mehr Energie als der Rest der
Erdbevölkerung" oder "25 % der Erdbevölkerung bestreiten 81 % des
derzeit ermittelten globalen Energieverbrauchs" oder "Der
durchschnittliche Verbrauch eines Menschen der Ersten Welt sind 150 Liter
Wasser, der eines Menschen der Dritten Welt 0,75 Liter" oder, oder. Im
Prinzip handelt es sich immer um die gleiche Aussage:
Das
reiche Fünftel der Menschheit auf den Wohlstandsinseln der Erde verbraucht vier
Fünftel aller Ressourcen. Ist das gerecht? Vor dem Hintergrund dieser Tatsache
wären wir Bewohner der Ersten Welt zu keinerlei Forderungen oder Erwartungshaltung
an die Dritte Welt berechtigt. Ich persönlich werde aber an beide Seiten
Forderungen stellen.
Leiden
der Erde Nr. 1
Wir,
die Erste Welt, sind die Energieverschwender.
Wir sind die eine Seite des irdischen Leidens. Nennen wir es Maßlose
Energieverschwendung.
Alle
oben benannten Zahlen sind als Aussage über das System zu verstehen, nicht als
Aussage über das Verhalten des Individuums. Denn selbst wenn ich als Individuum
Verzicht leiste, verschwendet das System
Erste Welt für mich weiter. Unser
System ist auf Energieverschwendung aufgebaut. Die Rechtfertigungen für
dieses Ausmaß der Energieverschwendung stellt uns unser System mit den
Argumenten wie "Erhalt der Arbeitsplätze, Fortschrittsglauben, Konkunktur,
Konsum und Werbung, Wettbewerbsfähigkeit, Standort Deutschland, Europa
..." bereit.
Darüberhinaus
wird sich bei einem derzeitigen Wirtschaftswachstum von ca. 5 % die Produktion in 20 Jahren, damit der
Energieverbrauch sowie der Schadstoffausstoß mindestens verdoppelt haben.
1995
stellte eine Gruppe von Zukunftsforschern (Physiker, Ökonomen, Philosophen) vom
1991 gegründeten "Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie"
die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" vor. Sie fordern das
Minuswachstum der bundesdeutschen Gesellschaft, die Einstellung des
Straßenbaus, den Verzicht auf Fernreisen, die Umstellung der Landwirtschaft auf
biologisch-dynamischen Anbau. Kurz: Verzicht und Opfer.
Die
in jener Studie von uns Deutschen geforderten Verzichtsleistungen muten genauso
brutal wie mein Szenario an:
>
Der Primärenergie-Verbrauch muss um die Hälfte zurückgeschraubt, der Einsatz
der fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Gas, aus denen heute noch fast 90 % der
genutzten Energie stammen, müsste gar um 80 bis 90 % gesenkt und durch
erneuerbare Energien wie Sonne, Wind und Wasserkraft ersetzt werden.
>
Den Verbrauch anderer Rohstoffe wie Metalle und Mineralien gilt es ebenfalls um
80 bis 90 % zu reduzieren, oder die Materialproduktivität
muss entsprechend verbessert werden.
>
Auf jede weitere Inanspruchnahme von Siedlungs- und Verkehrsflächen müssen die
Deutschen verzichten und ihre Ernährung fast ausschließlich aus heimischen
Produkten bestreiten.
Also
auch da: Der Alltag in einem von diesen Wissenschaftlern als zukunftsfähig
beschriebenen Deutschland wäre kaum wiederzuerkennen.
Leiden
der Erde Nr. 2
Die
eine Seite des irdischen Leidens nannten wir maßlose Energieverschwendung. Die andere Seite des irdischen
Leidens nenne ich Beschleunigter Bevölkerungszuwachs.
Bis
zum Jahre 1650 lebten maximal 550 Millionen Menschen auf der Erde. Im Jahr 1995
bevölkerte mehr als die zehnfache Menge den Planeten: 5,8 Milliarden Menschen, Tendenz weiter steigend. 1975 ermittelte
man eine Verdopplungsrate von 35 Jahren, Tendenz
weiter fallend. Beide Kurven verlaufen mit Beschleunigung. Für das Jahr
2000 werden 6 Mia Menschen vorausgesagt. Das ist in 2 Jahren. Für 2015 wird im
Fall der Geburtenkontrolle eine Bevölkerungszahl von 8 Mia Menschen
prognostiziert, für den Fall des nicht kontrollierten Wachstums die Zahl von 14
Milliarden Menschen. Es wird allein 1,5 Mia kontrollierte
Chinesen geben. Zur Jahrtausendwende werden mehr Menschen in Städten leben als
in ländlichen Gebieten.
Der
jährliche Bevölkerungszuwachs von derzeit knapp 100 Mio Menschen, jede Sekunde
um 3 Menschen, jeden Tag um 280.000 Menschen, ist auch beschleunigt. Die
Zukunft wird uns noch überraschen. Wurde bei den Berechnungen berücksichtigt,
dass der Verdopplungszeitraum abnimmt, der Bevölkerungszuwachs zunimmt? Wurden die
lebensverlängernden Maßnahmen im Lager der Energieverschwender
berücksichtigt? Wurde berücksichtigt, dass sich auch Schäden potenzieren
können? Längst übertreffen die bei der Rohstoff- und Energiegewinnung in
Bewegung gesetzten Stoffströme mengenmäßig den natürlichen Materialumsatz der
gesamten Biosphäre.
Da
90 % der Menschen in der Dritten Welt leben, erlaube ich mir - aus dem Lager
der Energieverschwender - später doch meine Forderungen an dieses Lager zu
formulieren.
Die Erde
- als Patient
Wie
immer wir die Medaille "Leiden der Erde" wenden, beide
Seiten zeigen die Katastrophe für das Gemeinwesen Erde auf:
Laut
UNO (FAO) sind seit 1990 jährlich 11,3 Millionen Hektar Wald auf der Erde
verloren gegangen, davon 65 Millionen Hektar in der Dritten Welt. Die doppelte
Fläche der Bundesrepublik. Holz für die Erste Welt und die Profite der
Holzkonzerne, und Holz für die Dritte Welt und ihren Bevölkerungszuwachs. In
Schwarzafrika werden 90 % des gefällten Holzes schlicht verheizt. 1997 wurden
weltweit 5 Mio ha Wald zur Ackergewinnung, für Plantagen, Monokulturen,
Nutztierhaltung für die Erste Welt abgebrannt. Im gleichen Jahr vernichteten
die Feuer in Indonesien bis zu 800.000 Hektar Tropenwald. Diese Feuer wurden
z.T. von Plantagenbesitzern gelegt. Wir indessen decken uns ein mit den
Edelholz-Gartenmöbeln der Fa. Strauß-Innovation, garantiert von Plantagen, für
die der Urwald weichen musste und mit ihm seine Tiere, wie der artengeschützte
Orang-Utan.
Jedem
einzelnen Erdenbürger steht nur ein begrenzter Umweltraum zur Verfügung. Er dürfte mithin nur ein begrenztes
Kontigent Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen, für Ernährung, Wohnen und
Freizeit nur eine begrenzte Fläche beanspruchen und auch alle anderen
Umweltressourcen nur seinem Anteil entsprechend nutzen.
Ohne
dass wir über unseren energiereichen Schatten springen und ohne dass wir
unserer Energieverschwendung entsagen, ist es im globalen Verständnis ökologisch nicht verantwortbar, Menschen der
Dritten Welt in unsere Welt einzuladen. Im moralischen
Sinn aber jederzeit.
Ohne
dass die Menschen der Dritten Welt über ihren fruchtbaren Schatten springen und
ohne dass sie ihren Bevölkerungszuwachs sofort reduzieren, dürften sie in ihren
Ländern kaum unseren Lebensstandard erreichen. Viele Milliarden Menschen mit
unserem Lebensstandard. Das wäre auch - nüchtern betrachtet - eine Katastrophe.
Würde
von allen Erdenbürger und zu ihren Nutzen so viel Kohlendioxid in die
Atmosphäre gepustet wie für die Bürger der Ersten Welt, bräuchte die
Erdbevölkerung 5 Planeten der irdischen Sorte. Schon heute leben ca. 3
Milliarden Menschen ohne sauberes Wasser. Weltweit gibt es heute mehr als 64
Mio Autos. Würde nur der bundesdeutsche Standard von heute auf den Globus
übertragen, gäbe es jetzt schon 2,9 Mia Pkw's. Im Augenblick werden 1.2 Mia
Chinesen zum Individualverkehr im Pkw mobilisiert. Bis zum Jahr 2015 soll sich
die Zahl der Personenkraftwagen weltweit verdoppeln und bis zum Ende des
kommenden Jahrhunderts sogar verachtfachen. Im Jahre 2010 wird sich das
Lkw-Aufkommen der BRD verdoppelt haben. Der globale Energieverbrauch soll in
den kommenden 25 Jahren noch einmal um 50 % anwachsen. Dennoch proklamieren die
Energiemanager ihr Credo: "Wachstum der Grenzen, statt Grenzen des
Wachstums."
Doch
alle Forderungen nach Verzicht und Reduzierung erscheinen mir Wunschträume,
denn:
Jeder
Mensch der Ersten Welt reagierte mit Unverständnis und Agressivität, würde er
auf Verzicht der Art der obigen Szenarien aufgefordert werden. Selbst die
minimalen Forderungen der Grünen zu Einschränkung und Verzicht waren für
manchen Wohlstandsbürger Grund zu Pogromstimmung. Er erachtet die ihm
bekannten Güter und Besitzstände als verbrieftes Menschenrecht auf dieser Erde.
Einzig in unserem Bestand reduzieren wir uns: In der BRD gibt es 35 Mio
Haushalte mit 80 Mio Einwohnern. 11,9 Mio Haushalte sind Single-Haushalte.
Jeder
Mensch der Dritten Welt kann sich aus gleicher Gewohnheit und mangels Bildung
und Information nicht eine Familie vorstellen, in der sich der Mann nach dem
zweiten Kind sterilisieren ließe, oder in der sich die Frau dem Mann versagte
und für ihre Rechte kämpfte. Das alte Wissen und Handeln der Weisen Frauen um
Bevölkerungspolitik ist auch in diesen Ländern zerstört worden. Die der Dritten
Welt aufgestülpten monotheistischen Religionen, die dem Individuum, besonders
den Frauen, wenig Wichtigkeit einräumen, sondern auf
Menschen"material" setzen, bieten keine Unterstützung für eine die
Bevölkerung reduzierende Politik. Algeriens Wachtumsrate von 4 % bewirkt eine
Verdoppelung der Bevölkerung in nur 20 Jahren. Bei der derzeitigen
Fundamentalisierung der Religion des Landes keine gute Aussicht für den
globalen Frieden.
In
erster Linie aber entpuppt sich der Papst, Hirte vieler Hunderter Millionen
Afrikaner und Lateinamerikaner, als Vorreiter eines Anachronismus: Seine
Ächtung von Verhütungsmitteln, Sterilisation und Abtreibung, sein sogenannter Schutz des Lebens sind für Millionen
Kinder lediglich die Garantie, am
Existenzminimum entlangzusiechen. Denn auch der Vertreter Gottes auf Erden hat
kein Mittel gefunden, einer armen kinderreichen Familie die Nahrung und
Bildung zu garantieren, die die Kinder bräuchten, um aus ihrem Elendskreis
auszubrechen. Diese Kinder brauchen existenzielle Sicherheit und Freiraum, um
sich als Menschen zu Individuen entwickeln, Bildung erlangen und ihre Zukunft
menschenwürdig gestalten zu können.
Wenigstens
eine offizielle katholische Kirche hat das verstanden: in China. Sie billigt
die Empfängnisverhütung ad bonum communis. Auch Abtreibung ist nicht Sünde.
Sie passt sich der offiziellen Politik an: Zu viele Kinder zementieren Armut.
Ein
Beispiel von menschlicher Bevölkerungspolitik zugunsten einer Existenz in
Wohlstand für Alle, das in seiner frühen Form selbstredend nicht nachzuahmen ist:
Im frühen Japan wurde die Bevölkerung vom Volk her konzipiert. Hebammen
erstickten überzählige Kinder vor dem 1. Schrei. (Heute sollte das Regulativ Empfängnisverhütung heißen.) Überlebende
Kinder wurden dafür gut gepflegt. Es fand ein Ausgleich zwischen Mädchen und
Jungen statt. Die Anzahl der Kinder wurde der finanziellen Situation der
Familie angeglichen. Laut dem Anthropologen Prof. Dr. C. Niemitz war das bei
vielen Völkern zu beobachten.
Laut
UNO werden stattdessen weltweit 250 Mio Kinder augebeutet, insbesondere
Mädchen. 10 Mio Kinder werden als Prostituierte ausgebeutet. Andere Millionen
Kinder als Arbeitssklaven. Der Handel mit Kindern, vornehmlich Kinder aus
Afrika und Südamerika, nimmt immer mehr zu, und die Kinder werden immer jünger.
Eltern setzen ihre Kinder aus. Im Jahre 2000 wird es 40 Mio Aids-infizierte Menschen
geben, in der Dritten Welt.
Solange
es zu viele Menschen auf einem begrenzten Raum gibt, solange die Besitzenden
Raubbau betreiben, wird es Armut geben. Weltweit sind 17,5 Mio Menschen auf der
Flucht, davon 6 Mio Kinder. In Afrika leben 5 Mio Menschen in
Flüchtlingslagern. 30 % aller farbigen Kinder sind arm. Bald wird die Erde
überwiegend aus Flüchtlingslagern bestehen. Mehr Armut führt zu weiterem
Bevölkerungszuwachs, weil Kinder der einzige natürliche Reichtum scheinen.
Mehr Menschen führen zu mehr Umweltschäden. So dreht sich die tödliche Spirale
auf.
Einschub
Hier
ist der Platz um zwei Behauptungen sorgfältig voneinander abzugrenzen. Eine
Einwandvorwegnahme sozusagen. Die Behauptung Ein Mensch braucht Freiraum trenne ich schärfstens von der Zielvorstellung
der Nationalsozialisten Ein Volk braucht
Raum. Der Unterschied wird nicht so sehr in der Behauptung selbst deutlich,
denn auch der Begriff Freiraum ist
nicht nur ideell sondern auch räumlich gemeint, als vielmehr in den Ableitungen
daraus:
>
Mit Ein Volk braucht Raum stellten
die Nationalsozialisten die Enge des überbesiedelten 80 Mio Großdeutschlands
fest, postulierten sich zu Herrenmenschen, die sich das Recht nehmen durften,
die weiten, benachbarten Territorien der Untermenschen
kriegerisch zu überfallen, von denen zu säubern und mit Herrenmenschen zu besiedeln.
Eine
Einstellung, die auf Chauvinismus, Expansion und Aggression basiert.
>
Ein Mensch braucht Freiraum postuliert
die Notwendigkeit für das Individuum, ein von Enge und Menge erdrückendes Leben
hinter sich lassen zu können, um sich zu einem selbstbestimmten Menschen mit
eigenen Meinungen, Verhaltensweisen und Weltanschauungen entwickeln zu können.
Dazu braucht der Mensch, nach der Existenzsicherung rangierend, Freiraum. Die
Konsequenz liegt in Bevölkerungspolitik, in freiwilliger Reduzierung oder im
Verzicht auf zu viele Nachkommen.
Eine
Haltung, die auf Selbstbeschränkung, globaler Bevölkerungsabnahme und Koexistenz
basiert.
Die Erde
- als Konzentrationslager?
Es
gibt doch in der Tat Menschen, die behaupten, die Erde würde 50 Mia Menschen ernähren. Diese bedrohliche Vision
gehört zum Standard-Repertoire der Materialisten, die in ihrem
reduktionistischen Denken wesentliche Zusammenhänge außer acht lassen.
Auf
genauere Rückfragen bei den Verfechtern der 50-Mia-These, weichen sie aus, und
zwar nicht argumentativ, sondern auf den Mars, auf den man den Menschen
letztlich zwecks Besiedlung schicken könnte. Abgesehen von dieser gar nicht
menschlichen Aussicht, setzt das eine noch mehr Energie verschlingende
Technologie voraus, die im noch krasseren Gegensatz zu Hunger und Elend auf der
Erde steht. Und welche Menschen in welcher Anzahl dürften wann zu den ersten Mars-Siedlern
gehören?
Offensichtlich
sträubt sich jeder Mensch dagegen, eine Zahl als Obergrenze für die menschliche
Spezies zu benennen. Und wenn er sich zur Nennung einer Zahl hinreißen lässt,
die Aufschub der bereits vorhandenen Probleme in eine scheinbar weite Zukunft
zu versprechen scheint - wie jene 20-50 Mia Menschen - , versagt er immer noch
vor der Pflicht, für diese gar nicht so ferne Zukunft endlich die Kriterien und
Maßnahmen zum Einhalt des Bevölkerungswachstums zu benennen.
Warum
nicht heute die freiwillige Sterilisation der Männer nach dem zweiten gezeugten
Kind ansteuern, anstatt später die Zwangssterilisierung mitzuverantworten, wenn
die Erde an uns 20-50 Mia Menschen zu ersticken droht und wir an unseren
Schadstoffen? Wann hat die Spezies Mensch ihr Wissen darüber verloren, welche Anzahl Menschen das
mitweltverträgliche Maß überschritten hat? Ich empfehle die Lektüre des Buches
"Die Vernichtung der weisen Frauen" von Gunnar Heinsson und Otto
Steiger, Heine Sachbuch, 1992. Die Regulierung der Bevölkerung durch die weisen
Frauen wird dort zeitlich an der Großen Pest und dem 30-jährigen Krieg
festgemacht. Kirche, Staat brauchten Menschenmaterial und billige
Arbeitskräfte. Renaissance, Wissenschaft und Fortschrittsglaube taten später
das Übrige.
Um
das Jahr 1820 wurden 1 Mia Menschen geschätzt. Es war die Zeit des großen
Aufbrauchs des Menschen in das Industriezeitalter. Es ist aber auch der
Zeitpunkt, von dem an seine Hybris und seine Hyperaktivität schicksalhaft
werden. Es war der Zeitpunkt, an dem er hätte einhalten müssen, um sein
Paradies auf Erden für alle Erdenbürger einlösen zu können. Jene Anzahl
Menschen hätte es gestattet, ihnen, ohne die Erde ausrauben zu müssen, bevor
regenerierbare Energiequellen erschlossen sind, den verheißenen Wohlstand
gleichermaßen verteilt zu schaffen. Denen, die ihn auch wollten. Wollten die
Maoris unseren Wohlstand. Hatten sie
nicht ihr Wohlleben?
Aber
das Gegenteil passierte: Der technische und medizinische Fortschritt bewirkte
einen ungeahnten globalen Bevölkerungszuwachs, diente aber nur wenigen
priviligierten Menschen und bewirkte, dass viele Menschen am Existenzminimum,
auf der tatsächlich so genannten Schwelle,
dahinvegetierten: Nicht genug zum Leben, zu viel zum Sterben.
Die Erde
- eine Arche oder ein Boot für Spezies Mensch?
Welche
Ethik wird greifen, wenn wirklich kein Mensch mehr menschenwürdig in das Boot Erde passt? Zwangssterilisation,
Abtreibung, aktive Sterbehilfe, moderner Kannibalismus, Freitod wie aufgezeigt
im Film Soylent Green im
menschenvollen New York des Jahres 2040:
Das
Thema war: Der Mensch als Nahrungsmittelquelle seiner selbst. Die anonymisierte
Form von Kannibalismus also. Im Tierreich war dieser immer eine Form der
Bevölkerungspolitik. Sterbehäuser öffnen sich Sterbewilligen, die dann zu
Plätzchen verarbeitet werden. Mich hat übrigens nicht diese sogenannte Ungeheuerlichkeit im Film ergriffen. Ich
fand diesen Kreislauf unter den Umständen durchaus sinnvoll. Mich ergriff die
Sequenz im Film, in der über das verseuchte New York eine Szene eingeblendet
wurde, in der ein Reh über einen reißenden Wildbach vor einem dichten Wald und
einer Wiese von Stein zu Stein hüpft - kein Mensch weit und breit. Der Kontrast
auf der Leinwand war nicht mehr auszuhalten.
Wie bitte soll der
Mensch Mensch werden, wenn er sich selbst im Wege steht?
Im
Jahr 2010 werden 29 Mio Menschen in Tokio, 26 Mio in Mexiko City leben. 69 Mio
Menschen in nur drei Metropolen in Indien. Schon heute leben 200 Mio Menschen
in 20 Ballungsräumen, im Jahr 2000 die Hälfte aller Menschen. In Mexiko leben
15 Mio Niños auf der Straße. Sao Paolo hat bereits 17 Mio Einwohner, die Hälfte
von ihnen ist arbeitslos, und 2 Mio ihrer Kinder sind obdachlos. Zur Jahrtausendwende
werden 80 % der Menschen nicht mehr gebraucht. Bei 6 Mia Menschen wären das 4.8
Milliarden Menschen! So viele Menschen werden nichts anderes als
Hoffnungslosigkeit, Flüchtlingslager, Müllhalden, und Elend erleben.
Zeitgenossen,
die sich gegen freiwillige Sterilisation der Männer nach dem zweiten Kind
verwehren, nehmen den Hungertod von Kindern in Kauf. Das ist unmenschlicher als
der Eingriff in die Zeugungskraft eines Erwachsenen. Welcher Schaden wird
einem erwachsenen Mann mit einer Sterilisation, die ihm noch nicht einmal die
Sexualität zerstört, zugefügt? Haben Sie schon einmal Homosexualität unter
diesem Gesichtspunkt betrachtet? Meiner Meinung nach eine zukunftsweisende
Sexualität.
Also
handeln wir Zug um Zug: Ein Mann der 3. Welt lässt sich sterilisieren, wenn ein
Mann der 1. Welt sein Auto stehen lässt. Weltweit finden 50 Mio Abtreibungen
statt und 120 Mio Menschen suchen Zugang zu Verhütungsmitteln. Das ist Frauen
nicht weiter zuzumuten.
Die
Prognosen von 12, 14, 20 Mia Menschen liegen in nicht fernen Zeiten. Im Jahr
2000 sind wir 6 Mia Menschen. 20 Mia Menschen könnten die Erde tendenziell in
100 Jahren bevölkern. Der Verdoppelungszeitraum könnte sich möglicherweise auf
wenige Jahre reduziert haben, wenn nichts Entscheidendes die Tendenz ändert.
Der
Mensch hat in 10-Tausenden Jahren seine Biologie nicht beherrschen gelernt. Er
wird es nicht in den nächsten 100 Jahren lernen. Schon gar nicht in 5, 10, 25
Jahren! Aber nichts weniger als das wäre notwendig. Nur über die
Selbstbeschränkung ist das Elend von vielen Millionen Menschen aufzuhalten.
Vorausgesetzt, dass der Globus überhaupt noch so lange mitspielt und sich nicht
seiner guten alten Haut gewehrt. Einige Wissenschaftler sprechen heute von der
Erde als einem intelligenten Organismus. Und jeder lebendige Organismus hat ein
Immunsystem. Wenn die Erde schon durch den Rohstoff-Raubbau und
Schadstoffausstoß für 6 Mia Menschen hustet, könnten dann nicht doppelt so
viele Menschen und mehr eine schwere Erkrankung der Erde bewirken? Wir
vergessen, dass heutige Sünden u.U. erst in Jahrzehnten Schaden anrichten
werden. Die Umwelttechnologie gilt nur für die Erste Welt. Jede reparative
Technologie erfordert mehr Energieaufwand, jeder Energieaufwand produziert
mehr Schadstoff.
Die
Behauptung, die Erde trüge 20 Mia Menschen und mehr, ist ein Skandal. Sie ist
im menschlichen Sinne feige und lässt alles auf diesem Globus außer acht außer
dem Menschen. Sie ist der Gipfel des Anthropozentrismus. Nach den laschesten
Prognosen der Gegenwart würde diese Anzahl ein Ende aller bekannten, nicht erneuerbaren
Ressourcen des Wirtsplaneten bedeuten.
Abgesehen
davon bin ich der festen Überzeugung, dass der Mensch als altes Tier und
biologisches Lebewesen die gleichzeitige Anwesenheit von 20 Mia Artgenossen und
mehr auf der Erde psychisch nicht erträgt, sondern sich und Anderen schaden
wird. Ein Prozess, der sich bereits jetzt abzeichnet. Ich denke, dass Enge auch
bei der Spezies Mensch zu Agressionen führt.
Fazit: Alle Visionäre
bleiben die Antwort schuldig, wie sie "ihre" als dem Globus
"zumutbare" Anzahl von Erdenbürgern KONSTANT halten wollen, damit
ihre Vision auch Bestand hätte. Das gilt auch die Gruppe von frühen
Zukunftsforschern, die einen glücklichen Globus mit 20 Mia glücklichen Menschen
mit je 20.000 Dollar Jahres-Einkommen aufzeigten.
Setzen
wir uns lieber heute mit diesen Fragen und offenen Antworten auseinander,
solange noch ein Rest von Freiwilligkeit im Handeln möglich ist, solange das
Handeln noch nicht verordnet werden müsste. Wir können mit faschistoiden
Verhältnisse rechnen, wenn wir den beiden Missständen (maßloser
Energieverbrauch & maßloser Bevölkerungszuwachs) nicht schnellstens
vorbeugen.
Die Erde
- als Wirtsplanet
Wir
befinden uns immer noch in der Betrachtung unseres Wirtsplaneten. Bewirten, beherbergen beinhaltet etwas Genüssliches,
Vertrauenserweckendes. Wo könnten wir bei 20-50 Mia Menschen dem Luxus von Speisen und Beherbergtwerden
auf dem Globus gerecht werden? Auf welchem Land könnten wir noch etwas anbauen
ohne die Unterstützung von Chemikalien incl. ihrer Schadstoffe? Gäbe es noch
Rohstoffe? Was geschähe mit den Ozeanen? Wohin gingen die Schadstoffe? Welches
Nutztier wäre nicht geklont? Wo blieben die Pflanzen?
Neben
dichtester Infrastruktur wären für uns nur Behausungen
möglich. Wann hätten wir die letzte freie Tierart von der roten Liste
gestrichen? Würden wir noch Wasser trinken? Wohl kaum. Denken Sie allein an den
CO2-Ausstoß durch den Atem der 20-50 Mia Menschen. Wohin mit unseren
Abfällen und unserem Müll? Als größte Müllproduzenten sind wir Wirtsleute für
bestimmte Tiere. Würden also Bevölkerungsexplosionen bei Ratten, Fliegen,
Kakerlaken, Stadttauben mit der unseren einhergehen? Die Menschheit selbst
würde sich auf eine pure Notgemeinschaft reduzieren.
Und
wo blieben unsere Ästhetik und die die Vielfalt auf der Erde? 20-50 Mia
Menschen bewirkten auf unverändert gebliebenem irdischem Raum nur noch den
Kahlschlag der Erde. Schon heute merzt der Mensch täglich 20-30 Arten aus. In
den letzten 250 Jahren liquidierte der Mensch so viele Arten, wie sie durch die
Evolution in langen 18.000 Jahren verworfen wurden. Der Unterschied ist
wesentlich: Die Evolution hat das verworfen, was für das Gemeinwesen Erde nicht
von Nutzen war. Der moderne Mensch aber liquidiert Arten in Unkenntnis ihrer
Vorzüge und ihrer Bedeutung für das Gemeinwesen Erde.
Die Erde
- ein Altersheim?
Schon
bevor ich den Satz über den Verzicht von Kindern schrieb, hörte ich das
tägliche Lamento über die Überalterung der Bevölkerung in der Ersten Welt. Dazu
gibt es schlüssigerweise nur einen Kommentar:
Die
beklagte Überalterung der Ersten Welt ist Folge unseres Systems, das einerseits
das Kinderaufziehen zu einem Luxus macht. Andererseits ist es auch ein
schlüssiges Verhalten: Wenn wir nicht unserem Lebensstandard entsagen wollen,
müssen wir uns als Energieverschwender
zugunsten einer Zukunft physisch entziehen, eben durch Kinderlosigkeit. Das
scheint mir der tiefere Grund des Singledaseins zu sein. Der Single beginnt für
die Erste Welt mit dem Rückzug. Sein Wille zur Selbstverwirklichung kommt ausnahmesweise
dem Gemeinwesen Erde zugute.
Die
Überalterung unserer Gesellschaft ist die unvermeidbare und notwendige Folge
dieser von uns gewählten Bevölkerungspolitik, unserer Alternative zum
Energieverzicht. Das war in der Tat nicht immer so in deutschen Landen: Vater
Brentano zeugte 20 Kinder über 3 Frauen. Der Philosoph Lichtenstein hatte 16
Geschwister, von denen nur 5 überlebten. Frau Fontane bekam 7 Kinder, von denen
nur 4 überlebten.
Ein
Lamento über das Aussterben der Deutschen
ist Stammesdünkel. Als Ausfluss unseres "Jus sangui"
(Abstammungsrecht) wird es sogar nationalistisch, weil es die vielen Kinder und
jungen Menschen im großen Rest der
Erde als uns nicht ebenbürtig ignoriert. Sie sind nicht deutschstämmig. Es ist durchaus möglich, dass die Deutschstämmigen aussterben. Doch welche
Wichtigkeit hat diese Tatsache für die Erde? Haben wir ein besonders
schützenwertes Erbgut? Wäre es nicht an der Zeit, wenigstens den ausländischen Kindern, die hier geboren
wurden, mit der Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit zuzugestehen? Unser
"Jus sangui" in das "Jus soli" (Territorialrecht)
umzuändern?
Wäre
es nicht Zeit, wenigstens die Waisen
unter den 40 000 Kindern, die täglich verhungern, eben vor diesem Hungertod zu
retten, indem wir ihnen in unserem Land eine Existenz bieten über Pflegeeltern,
Adoptiveltern, homosexuelle Paare, Wohngemeinschaften u.a.m.? Wo auf der Erde
mangelt es denn an jungen Menschen, die unsere Stelle einnehmen könnten?
Hunderte Millionen 18 bis 25-jähriger stehen vor unserer Tür und hoffen auf
Einlass. Warum entscheiden wir uns nicht zu einem Einwanderungsrecht, mit
Kriterien, die unseren Vorstellungen an die Einwanderer entsprechen? Wie viele
ehrgeizige junge Menschen würden zu uns kommen! Und wir hätten sie auch noch
ausgewählt.
Übrigens:
In anderen Teilen der Erde würde eine Überalterung ebenso zwangsläufig, wenn
der Bevölkerungszuwachs endlich stagnieren oder sogar zurückgehen sollte. Das
ist ein Preis, der bezahlt werden müsste, wenn die Menschheit jemals auf ein
erdgerechtes Maß zurückgehen sollte. Lebensverlängernde Maßnahmen für den
Menschen sind sicher keine Lösung.
Die Erde
- mit Zukunft?
Die
Erde hat noch eine lange Zukunft. Wir Menschen werden sie nicht aus ihren
Angeln heben. Die Frage ist: Haben die derzeitigen Lebewesen der Erde, wir
Menschen eingeschlossen, auf der Erde eine Zukunft?
Da
ein Paradigmenwechsel vom Menschen nie prophylaktisch eingesetzt und befolgt
wurde, sondern erst infolge von Krisen, ist eine anthropogene katastrophale
Entwicklung für die derzeitige Flora, Fauna und Spezies Mensch auf der Erde
möglich. Wir stehen wenige Jahre am Beginn des 21. Jahrhunderts. Es ist
fraglich geworden, ob wir das erste Jahrhundert des Dritten Jahrtausends
menschenwürdig und mitweltgerecht überstehen werden.
Eine
Dialektik könnte lauten: Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert des
beschleunigten Fortschritts und
Zuwachses gewesen. Das 21. Jahrhundert müsste das Jahrhundert des menschlichen Verzichts werden, aus dem ein
Jahrtausend der globalen Koexistenz
erwachsen könnte.
Die
Wuppertaler Zukunftsforscher setzen auf den Selbstläufer wie Überdruss am Überfluss des postmateriellen Konsumenten, der über
eine neue soziale Ästhetik aus dem
Randdasein multipliziert werden könnte. Aber auch diese Gruppe sieht die
Gefahr, dass ökologische Notsituationen Prinzipien demokratischer
Entscheidungen in Gefahr bringen könnten.
Meine
Schlussfolgerung heißt: Wir werden biologisch nur überleben, wenn wir in das
Zeitalter des Verzichtes eintreten. Wir
werden im ethischen Sinn als Menschen nur überleben, wenn wir den Verzicht freiwillig vollziehen. Lassen wir die
Aufforderung zum Freiwilligen Verzicht,
das Nein-Sagen aus Respekt zur Mitwelt, also gedanklich über uns schweben. Immerhin
eine angenehmere Bedrohung als das Damoklesschwert einer Öko-Diktator, die
übrigens keineswegs von den Ökologen ausgerufen würde, das über uns schwebt.
Mein
Essay möge dazu beitragen, dem Zeitalter des Verzichtes die notwendige
Provokation vorauszuschicken.
Zitate von Prof. Bernhard
Verbeek aus "Ökologische Zukunft: Warum wir immer davon reden, aber nichts
Wirksames tun. - Ein Mechanismus gegen die soziale Entropie", Eigenverlag
1994
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