Recht,
Gesetz, Verordnung & Leitfaden - 4
Auf
diesen Seiten finden Sie Verordnungen und Gesetze zu Autolärm, Freizeitlärm, Nachbarschaftslärm
und zu vielerlei anderen Arten vermeidbarer Zwangsbeschallung
sowie den „Leitfaden zum Lärm“ der
Akustik-Aktivistin Ute Becker - artAkus.
Urheberrechte
und Copyrights der Fremdtexte liegen bei den Verfassern.
Für ihren Leitfaden hebt die Autorin Ute Becker
im Falle des privaten Gebrauchs das Copyright auf.
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Seite 4 |
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DINorm |
Nils Tumat - |
Deutscher
Mieterbund |
Ute
Becker |
FLUGS
– Fachinformationsdienst |
Umweltbundesamt Lärmminderung im Verkehr |
(Das
folgende Nachschlagewerk, begonnen im Jahre 1992, wird von der Autorin laufend überarbeitet.
Im Falle des Interesses an der neuesten Version treten Sie bitte über das Postfach mit
ihr in Verbindung.)
Lärm
vom Menschen
gegen
den Menschen – ein
Nachschlagewerk
Ute Becker
0. Vorwort
The General Assembly Of The International
Council der UNESCO verabschiedete im Oktober 1969 in Paris eine Resolution:
"Wir verurteilen einstimmig die unerträgliche Verletzung der individuellen Freiheit und des Rechts eines jeden auf Ruhe, angesichts des Mißbrauchs aufgezeichneter oder übertragener Musik an privaten und öffentlichen Orten.
Wir fordern den Vorstand auf, eine Untersuchung aus allen Perspektiven einzuleiten - wie aus medizinischer, wissenschaftlicher und juristischer Perspektive - ohne die künstlerische und erzieherischen Aspekte außer acht zu lassen, mit dem Ziel, der UNESCO geeignete Maßnahmen vorzuschlagen, um diesem Mißbrauch ein Ende zu bereiten."
Grundgesetz für die
Bundesrepublik Deutschland, Artikel 13 (1):
"Die Wohnung ist unverletzlich."
Das Umweltmagazin GLOBUS forderte
in seiner Sendung vom 21.5.97 das Recht des Einzelnen auf Ruhe als Grundrecht
ein.
"Den Menschen vor Lärm zu schützen, ist zum wichtigen Gebot verantwortlicher Umweltpolitik geworden" ... BMU,
März 1990
In der Technischen Anleitung
zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) heißt es: "Lärm ist Schall (Geräusch), der Nachbarn oder Dritte stören (gefährden, erheblich benachteiligen oder erheblich belästigen) kann oder stören würde."
Hehre Worte hören wir. Wir Menschen
scheinen uns ausreichend vor Lärm schützen zu können, und dennoch rangiert
die akustische Umweltverschmutzung unter allen menschgemachten Schadstoffen an
erster Stelle. Es scheint geraten, sich mit dem Phänomen "Lärm" auseinanderzusetzen.
Ich wünsche mir, daß meine vorliegende Arbeit zur Klärung des Phänomene "Schall
und Lärm", die unseren Alltag in so ungeahnter Weise bestimmen, beiträgt.
Sie ist eine Sammlung fremder und eigener Erkenntnisse. Um begriffliche
Verwirrungen zu vermeiden, schicke ich Definitionen voraus:
1. Definitionen
Schall
Jeder sich bewegende Gegenstand
setzt das ihn umgebende Medium in Schwingungen. Die mechanische Erregung
einer Schallquelle, die in
Schwingung gerät, ist ein Schallereignis. Der äußere
Anlaß für ein Schallereignis ist der Impuls. Die Schwingungen,
bzw. Druckschwankungen, breiten sich kugelförmig in elastischen Schallmedien (Luft,
Wasser, Festkörper) aus. Die Druckschwankungen der Moleküle des Mediums sind von
einem Sensor als Schalldruck wahrnehmbar.
So gibt es Luft-, Körper-, Wasserschall etc. Jede Druckschwankung des Mediums
ist ein Schallereignis, aber nicht alle sind wahrnehmbar für das menschliche
Ohr.
Schall ist Unruhe der Moleküle,
ein "Wellen"phänomen, das sich in der Häufigkeit der Schwingungen pro
Sekunde (Frequenz) und der Stärke der Druckschwankungen (Schalldruck) unterscheidet.
Die Frequenz bestimmt
die Tonhöhe eines Schallereignisses,
der Schalldruck die Lautstärke.
Frequenz -> Tonhöhe
Die physikalische Einheit für
Frequenz, die Häufigkeit der Schwingung/Sekunde, ist Hertz (Hz). Je
häufiger die Frequenz eines Schallereignisses ist, desto höher ist wird sein
Ton empfunden und umgekehrt. Hohe Frequenzen werden von den Medien eher absorbiert
als niedrige. Die Schallfrequenz ist abhängig von der Impulsfrequenz.
Schalldruck -> Lautstärke
Die physikalische Einheit für
Schalldruck ist Pascal (Pa) =
N/m¨. Die unterste Grenze, die überschritten werden muß, um ein Schallereignis
festzustellen, ist der Bezugsschalldruck: p0 = 2 x 10-5 N/m¨. Druck
ist Kraft/Fläche.
Für p0 ist der
Schalldruck-Pegel = 0 dB, was dem relativen Schalldruck-Wert 1 entspricht.
Je stärker ein Medium angeschlagen
wird, je größer Luftdruckschwankungen sind, als desto lauter werden Schallereignisse
empfunden.
Schalldruckschwankungen der Luft
betragen im Sprechbereich weniger als ein Millionstel des Luftdrucks.
Phon
ist ein Maß für die Stärke (Amplitude) einer
Schwingung, also nur ein Maß für die Lautstärke des Schallereignisses.
Schalldruckpegel
ist das Maß für die Immission, die Stärke
eines Schallereignisses. Der Schalldruckpegel wird in der Akustik (Schallehre)
in Dezibel (dB) angegeben:
Der relative Wert 1 steht dabei für die menschliche Hörschwelle, der Wert
1012 (= 10 Bio)
für die Schmerzgrenze des menschlichen
Gehörs.
Sowohl die Hör- als auch die
Schmerzschwelle sind abhängig von der Frequenz eines Schallereignisses. Das Ohr
nimmt nicht alle Frequenzen gleich laut wahr. Die frequenzabhängige Empfindlichkeit
des menschlichen Gehörs wurde durch die international angewandte Kurve "A"
berücksichtigt, so daß Pegelwerte nach dieser Kurve in dB(A) angegeben sind.
Dezibel, dB
dB Bezeichnung für die Höhe eines Geräuschpegels
dB(A) Bezeichnung des A-bewerteten Geräuschpegels
dB ist die logarithmisch aufgebaute
Rechenvorschrift zur Bestimmung von Schallpegeln (Geräuschpegeln). 1 dB = 0,1
Bel:
p = effektiver Schalldruck (Pa = N/m¨)
p0 =
Bezugsschalldruck: 2 x 10-5 N/m¨
L =
Schalldruck-Pegel in dB
N = effektive Schalleistung (W = J/s)
N0 = Bezugsschalleistung: 1 x 10-12 Watt
LW = Schalleistungs-Pegel in dB
I = Schallintensität in W/m¨
I0 =
Bezugsschallintensität: 1 x 10-12 W/m¨
LM =
Lärm-Mittelungspegel
Formeln: L
= 20 x lg p/p0
dB
L
= 10 x lg I/I0 dB
L
= 10 x lg N/N0 dB
Erläuterung zur Dezibel-Skala
+ 3 dB(A) = Verdoppelung der Schallereignisse
+ 6 dB(A) = Vervierfachung der Schallereignisse
+ 10 dB(A) = Verzehnfachung
der Schallereignisse; doppelte Lautstärke
-- 3 dB(A) = Halbierung der Schallereignisse
> Die Verdoppelung eines Schallereignisses
wird vom menschlichen Ohr nicht als doppelt so laut, sondern gerade noch
wahrgenommen.
> Erst die Verzehnfachung
eines Schallereignisses wird vom menschlichen Ohr als Verdoppelung der Lautstärke
wahrgenommen.
> Jeder Anstieg um 10 dB in
der Dezibel-Skala bedeutet eine Verzehnfachung der Schallintensität,
aber nur eine Verdoppelung der Lautstärke.
> Eine Verdoppelung der Lautstärke
setzt eine Verzehnfachung der Schallereignisse voraus:
Beispiel:
1 Auto =
70 dB
2 Autos = 73 dB (den
Unterschied von + 3 dB nimmt das Ohr deutlich wahr)
10 Autos = 80 dB (den Unterschied von + 10 dB nimmt das Ohr als doppelt so laut wahr)
Schalldruckpegel bekannter Geräusche
(0/10 dB Hörschwelle, Meßschwelle)
10 dB "ruhig";
normales Atmen
20 dB Blätterrauschen
20/30 dB "leise";
ruhiges Zimmer, Flüstern, Uhrenticken
30/40 dB Schnurren einer Katze (um die 400
Hertz/sec)
40/60 dB normale Unterhaltung, lautes
Blätterrauschen
40 dB ruhige
Wohnstraße nachts
50 dB ruhige
Wohnstraße tags
50/60 dB "laut";
Bürogeräusch, Pkw
60 dB Hauptverkehrsstraße
nachts
60/70 dB Meeresbrandung, Wasserfall
70 dB lautes
Reden
75 dB Rufen,
Schreien
80 dB hochbelastete
Autobahn tags
70/90 dB PKWs im Stadtverkehr
80/90 dB Arbeitslärm in der Fabrikhalle
80/90 dB LKWs im Stadtverkehr
90 dB Kreissäge
und Moped
90/110 dB "unerträglich";
walkman-Musik
100 dB Sägewerk, manipuliertes Fahrzeug
110/130 dB Rockkonzert, Disco
112 dB Gewitter
120 dB "schmerzhaft";
Martinshorn, Probelauf von Düsenflugzeugen
(130 dB Schmerzgrenze)
145 dB startender Düsenjet
Schallleistung
ist die pro Zeiteinheit abgestrahlte
Schallenergie einer Schallquelle. Die physikalische Einheit ist Watt (W) = J/s.
Die geringste nachweisbare Schalleistung wurde
als Bezugsschalleistung festgelegt bei:
N0 = 10-12 W.
Für N0 ist der Schalleistungs-Pegel = 0 dB, was dem
relativen Schalleistungs-Wert 1 entspricht.
Schalleistungspegel
ist das Maß für die Emission einer Schallquelle.
Schallintensität -> Schallstärke
ist die pro Zeiteinheit durch
eine senkrecht zur Wellenausbreitung stehende Flächeneinheit
(A = 1.0 m¨) durchfließende Schallenergie
(-leistung): I = W/m¨.
Hohe Töne sind schallintensiv.
Schallausbreitungsgeschwindigkeit
Schall pflanzt sich mit folgenden
Geschwindigkeiten fort:
Luft: 340 m/sec
Wasser: 880
m/sec
Körper: variabel
Diese Zahlen gelten bei normalem
Luftdruck und normaler Temperatur.
Schall ist - über Wasser getragen
- bis zu 20 km zu hören. Das tieffrequente Nebelhorn folgt sogar der Krümmung
der Erde.
Schalldämmung und Schalldämpfung
Erschöpfende Beschreibungen finden
Sie in den Unterlagen der Umweltorganisationen definiert
Schalldämmung: Schallenergie
wird reflektiert.
Schalldämpfung: Schallenergie
wird durch Absorption verringert.
Infraschall
ist der vom menschlichen Gehör
nicht mehr hörbare tieffrequente Schall unter 20 Hertz. Wenige Menschen haben
die Fähigkeit, sogar Infraschall zu hören.
Der Elefantenrüssel besteht aus
60.000 Muskeln. Mit ihm kommuniziert der Elefant über Infraschall mit der Herde.
Erschütterungen
Erschütterungen, Beben u.ä. sind
starker, tieffrequenter Schall, der vom menschlichen Körper wenn auch nicht
gehört, so doch gefühlt werden kann.
Tiefe, starke Schallfrequenzen
sind als mechanische Erschütterungen für den Menschen schädlich, für einen
Fötus u.U. gefährlich.
Geräusch
ist eine unperiodische Schwingung
(Ton: periodisch) und hat keine exakt bestimmbare Tonhöhe. Geräusch ist ein
Schallereignis, das sich aus mehreren Frequenzanteilen mit unterschiedlicher
Stärke zusammensetzt. Zahlreiche Geräusche sind einfach Abfallprodukte von
Maschinen.
Geräuschgrenzwerte
siehe Broschüre "Luftreinhaltung
- Lärmbekämpfung", BMU, S. 139
Stille
definiert sich in erster Linie
durch die Abwesenheit von "Lärm", in dem Sinne der Definition von
Lärm als unerwünschtem Schall. Auch setzt "Stille" einen geringen Geräuschpegel
voraus. Es ist aber Faktum, daß auch laute Naturgeräusche wie Meeresrauschen
und Tiergeräusche noch als "Stille" empfunden werden können. Mönche
können selbst in unmittelbarer Nähe von Wasserfällen meditieren.
So subjektiv wie "Lärm"
empfunden wird, so subjektiv kann also auch "Stille" definiert
werden. Allgemein wird die "Abwesenheit von menschgemachten technischen
Geräuschen und Freizeitlärm" als Stille empfunden.
Stille ist auf keinen Fall gleich
Schallosigkeit, denn Materie ist Bewegung und Bewegung ist Schall. Im künstlich
hergestellten schalltoten Raum hören wir immer noch die Schallereignisse
unseres Körpers: das Rauschen unseres Blutes, unseren Herzschlag, das
Magengrollen, den Tinnitus ...
Musik
ist eine menschliche Äußerung,
die in engem Zusammenhang mit der Veränderung der menschlichen Gesellschaft
zu unterschiedlichsten Formen und Ergebnissen führt. Wie Musik Ausdruck ihrer
Zeit ist, sind Lautstärke, starke Bässe und Disharmonien in der modernen Musik
ein Spiegelbild unserer Industriegesellschaft.
MUZAG
ist eine Musikkonserve zur funktionellen
Musikübertragung und non-stop-Berieselung mit dem Ziel der Verhaltensänderung bei
Konsumenten im weitesten Sinne.
Beat
sind Musikrhythmen, Rhythmusschläge
pro Minute:
00 - 40 Ambiente
50 - 60 Deep soul
80 - 90 Hip Hop, Funk
100 Reggae
100 - 110 Disco
110 - 130 Punk
120 - 140 House
130 - 150 Tekkno
150 - 160 Jungle
170 - 250 Thrash
Metal
300 - 400 Love
Parade
Zimmerlautstärke
ist in der Praxis ein nach Belieben
der Lärmverursacher ausgelegter
Begriff. Sie glauben über die akustische Situation der Betroffenen urteilen zu
können. Der Bock macht sich zum Gärtner. Genauso einseitig werden von
Technokraten 65 dB (beim Verursacher) als sogenannte "Zimmerlautstärke"
von Beschallungsanlagen genannt, was grundsätzlich zu verfälschten Ergebnissen
für den Betroffenen führt, wurde doch nicht berücksicht, daß Schall durch
Dielenfußböden, Fensterscheiben, Außengeräusche verstärkt beim Betroffenen
ankommen noch anderes mehr.
In einem Urteil des LG Berlin
vom 19.10.87 - 13 0 2/87 - steht aber über "Zimmerlautstärke":
"... Der Begriff der Zimmerlautstärke
ist allerdings nicht so eng aufzufassen, daß ein Geräusch nur in dem Raum, in
welchem es verursacht wird, gehört werden kann und darf. Er ist entgegen seinem
reinen Wortsinn vielmehr dahingehend auszulegen, daß ein Geräusch außerhalb
einer geschlossenen Wohnung, insbesondere in den Räumen oberhalb und unterhalb
der Geräuschquelle, nicht mehr oder zumindest kaum noch wahrnehmbar sein soll
(Landgericht Berlin, WM 63,153; Landgericht Frankfurt, WM 60,118).
Aus dieser Definition ergibt
sich, daß es für die Feststelung einer erheblichen Lärmbelästigung dort, wo aufgrund
der Regulierbarkeit der Geräuschquelle
die Einhaltung der Zimmerlautstärke verlangt werden kann, nicht notwendig der
Angabe von angeblich überschrittenen DIN-Phon-Werten durch den Kläger bedarf.
Ob Geräusche die Grenze des "kaum Wahrnehmbaren" überschreiten, kann
dem Gericht auch auf anderem Wege, insbesondere durch Zeugenbeweis,
nahegebracht werden. ..."
Zumutbarkeit/Vermeidbarkeit von Schallereignissen
In der Lärmschutzverordnung wird
sinnvollerweise zwischen "zumutbarem" und "unzumutbarem" sowie
zwischen "vermeidbarem" und "unvermeidbarem" Lärm
unterschieden. In der Regel bereitet der vermeidbare Lärm den Ärger,
der Menschen erkranken läßt. Auf die weitere Unterscheidung wird im laufenden
Text eingegangen.
Lärm-Emission
Sind die von einer Quelle ausgehenden
Geräusche.
Lärm-Immission
Ist die auf den Menschen (Sensor)
einwirkende Gesamtheit der Geräusche zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem
bestimmten Ort -> Lärmmittelungspegel (s. S.2).
2. Was ist "Lärm"?
Lärm in der Definition der Akustik und Lärmforschung
Lärm ist unerwünschter, deshalb
störender, belästigender oder gar gefährlicher Schall. Lärm ist
kein physikalischer, sondern ein subjektiver und psychischer Begriff: die Betroffenen
bewerten, ob Geräusche Lärm darstellen oder nicht. Objektiv meßbar sind dementsprechend
nur die auftretenden Geräusche, das objektive Schallereignis
Geräusche wirken auf einen Menschen,
der sich in einem geistigen Arbeitsprozeß befindet, schneller störend und
erheblich störender als auf einen Menschen mit gängigen Tätigkeiten.
Lärm verhält sich zu Geräusch
wie Gestank zu Geruch.
Störende Geräusche : geistige
Arbeit ...
Lärm in der Geschichte
Das Ohr evolutionierte sich entsprechend
der Tatsache, daß alle Materie schwingt, alle molekularen Bewegungen Geräusche
verursachen und diese Geräusche ihre spezifischen Bedeutungen haben. Jeder
Organismus braucht Geräuschreize, stehen sie doch als Signal dafür, das Bewegung
- Leben - in der Welt ist, nicht Stillstand - Tod. Absolute Stille, verbunden
mit Dunkelheit, wäre Folter, die zum Tod führen würde.
Das Ohr des Menschen kann bei
weitem nicht alle Geräusche und deren Bedeutungen wahrnehmen. Viele Tiere sind
ihm überlegen. Zum Überleben seiner Spezies hat aber offensichtlich das Frequenzsprektrum
zwischen 20 und 20 000 Hz ausgereicht. Aber die Schallintensität - laut, leise
- ist ein nicht minder wichtiger Bestandteil zum "Verständnis" eines
Geräusches. Intensivität eines Schallereignis intensiviert das Erlebnis desselben.
Ein lauter tiefer Ton wirkt noch bedrohlicher als ein leiser, ein lauter
hochfrequenter Ton schmerzt noch mehr als ein leiser.
Während langer Zeitspannen kannte
der Mensch, neben seinen eigenen sozialen Geräuschen Lautstärke als Zeichen
der von Taburäumen oder Bedrohung der Mitwelt
(Donner, Sturm, Flut, Blitz, Wasserfall, Trampeln der Herden, Gebrüll, Wolfsgeheul).
Mit dem Ende der Bedrohung endete in der Regel auch die Lautstärke. Früh stand "Lautstärke"
für Bedrohung, Angst und Lebensgefahr.
Wie in der Tierwelt dienten auch
in der menschlichen Gemeinschaft laute Verhaltensweisen, um Aufmerksamkeit zu
erregen. Mutter und Kleinkind entwickelten schrille Stimmen, mit denen sie sich
zur Not über weite Entfernungen erhören konnten. Die Klageweiber stachelten mit
ihrem Kreischen die Vergeltungswut der Männer zu evozieren. Der Patriarch "donnerte"
seine Autorität über die Sippe.
Einerseits vertrieb der Mensch
die Bedrohung mit Dagegen-Anlärmen durch Zusammenrotten, Schreien, Rhythmusschlagen,
Tänze. (Man sagt, die afrikanische Nacht soll laut sein. Möglicherweise hat
deshalb für den afrikanischen Menschen Rhythmus, Gesang und Tanz den hohen
Stellenwert.) Noch heute machen uns die Geräusche der Naturgewalten Angst. Der
Mensch wurde mehr Mensch, indem er lernte, diese Gefahren zu bannen. Aber Ohr
und vegetatives Nervensystem veränderten sich nicht mehr. Das Ohr steht noch
heute in "hab-acht-Stellung" und der Körper reagiert noch heute mit
streßabwehr.
Andererseits lernte der Mensch
die Produktion eigener Lautstärke in ihrer bedrohlichen Bedeutung als Machtinstrument
erkennen. Er eignete sich Lautstärke bewußt an, um Macht über Mitmenschen,
Mitwelt und Dämonen zu demonstrieren. Wer Macht ausüben will, stört und unterdrückt
bewußt die Mitwelt. Menschgemachte Lautstärke wurde Absicht und der Begriff "Lärm"
in seiner Bedeutung als unerwünschter Schall dürfte geboren worden sein. Noch heute
bedienen sich Diktatoren der Lautstärke, um ihre Macht zu demonstrieren. Lärm
aber auch als Folterinstrument, Tod durch Lärm, eine qualvolle Todesart, wie
die Chinesen schon wußten. Auch die Israelis foltern Gefangene mit extrem
lauter Musik neben Schlafentzug und dem Sack überm Kopf, wie aus einem Bericht
von "ai" hervorgeht (lt. Deutschlandfunk vom 31.12.97).
... Die Genfer Konferenz zur
Verletzung der Menschenrechte stuft die zwangsweise Beschallung des Menschen mit
lauter Musik als Folter ein. ...
Abgesehen davon, daß menschliche
Ansammlungen an sich lautstark sind (siehe die Dezibelskala), entwickelte der
Mensch zusätzlich durch Handwerk und Technik neue, "künstliche" Geräusche
von hoher Intensität und langer Dauer, insbesondere seit der Metallverarbeitung.
Der Schall des Kupferhammers" zum Beispiel wurde ohne weiteres 8 bis 12
Kilometer weit getragen - je nach Windrichtung, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit.
Das Geräusch wurde zur Kommunikation zwischen den Dörfern benutzt.
In der Kriegsführung wurde das
"Lärmen" immer stärker gegen den "Feind" eingesetzt: Lärmtruppen,
Lärm als Waffe. Laut Bibel brachten die Halias-Posaunen von Jericho mit Schall
Mauern zum Einstürzen. Das Schießpulver endlich ermöglicht ihm sogar das
Konkurrieren mit dem Donner. Die moderne Kriegsführung benutzt den Lärm zur
seelischen und nervlichen Zermürbung des "Feindes", z.B. das
Sturmgewehr, das Trommelfeuer, das außer der Donnergewalt der Explosionen noch
die Unerträglichkeit des andauernden Trommelns enthält, Bakelit-Handgranaten, Flügelbomben,
Stuck-Sirenen, Flak, Marschmusik, Lautsprecherbeschallung. Der vorläufige
Gipfel des antropogenen Lärms sind schließlich Kernexplosionen unf Atombombe.
Das Wort "Lärm" kam
über das Wort "Alarm" (Gefahrmeldung, Beunruhigung) aus dem italienischen
"allarme", was von "alle arme" (zu den Waffen!) stammt in
unsere Sprache. Das englische Wort für Lärm "noise" geht auf das
lateinische "nocere" = "schaden" zurück, so wie die Medizinische
Bezeichnung "Noxe" = "Schaden". Wenn der Begriff "Lärm"
offiziell auch als "unerwünschten Schall" definiert wird, der nicht zwangsläufig
laut sein muß, wird er doch in der Alltagssprache synonym mit "Krach",
"Lautsein" etc. gebraucht.
Lärm im heutigen Alltag
Das Phänomen "Lärm"
ist heute ein globales gesellschaftliches Problem. Lärm läßt sich heute leicht
machen, und immer mehr Menschen und Maschinen machen ihn, wodurch er allgegenwärtig,
permanent vorhanden, unausweichlich ist - mit steigender Tendenz.
Zur Empfindlichkeit des menschlichen
Gehörs gesellt sich seine evolutionsgeschichtlich begründete ständige Aufnahmebereitschaft.
Das Gehör wartet auf die Botschaft der auf es eindringenden Geräusche. Durch
die Dominanz von Maschinengeräuschen sind wir aber kontinuierlich Lärm mit
geringem Informationsgehalt ausgesetzt. Wir müssen Geräusche konsumieren. Das
Gehör registriert auch diesen Geräuschüberfluß mit hoher
Redundanz als lästiges, unerwünschtes Abfallprodukt: "Lärm ist akustischer Müll".
Der Mensch selbst ist laut (Sportveranstaltungen)
und die von ihm entwickelten und gebrauchten Mittel (Explosionsmotoren) sind
laut. Was sein "Lärmen" betrifft, hat der Mensch seine in Vorzeiten
notwendigen Verhaltensweisen nicht den aktuellen Bedingungen entsprechend
modifiziert. In Ballungsgebieten bedürfte es moderner Verhaltensweisen. Der
Mensch ist im Vergleich zu seinen technischen Errungenschaften ein Oldtimer.
Derzeit gibt es zwar einen Trend
zum Gebrauch von akustischen Instrumenten und zur privaten Hausmusik. Aber auch
diese prinzipiell angenehme Entwicklung erfordert auch Rücksichtnahme auf die
Zeitgenossen. Nicht jedes Instrument darf im Wohnbereich gespielt werden.
Klaviere auf schwingenden Holzfußböden erfordern mindestens Dämpfer.
Der Mensch leidet also fast ausschließlich
unter dem von ihm verursachten Lärm. Ein Donner macht Angst, ist aber kein
Dauerlärm, der gesundheitliche Schäden hervorrufen könnte. Alle Schäden durch Lärm sind anthropogen. Insofern
ist das Phänomen "Lärmbelästigung" immer auch ein psychosoziales
Problem.
Lärm in der Zukunft
Die Zukunftsaussichten sind schlecht:
Der Grundgeräuschpegel, d. h.
der konstant anwesende Geräuschpegel in einem Ballungsgebiet am Tage, hat sich
im Mittel in den letzten 30 Jahren verdoppelt: Von 43 dB auf 50 dB verdoppelt.
...
Es ist zu befürchten, daß dieser
Anstieg ebenfalls eine Beschleunigung erfährt. Eine Reduzierung scheint illusorisch:
Um den Lärmpegel nur zu halbieren, müßte
die Häufigkeit der Schallereignisse aber um das Zehnfache reduziert werden.
> Manipulationen am Auspuff
von Motor-Zweirädern können Lärmpegel von 100 dB(A) und mehr zur Folge haben.
200 000 großvolumige Cruiser kreuzen heute lauter als PkW die Straßen, Tendenz
steigend.
> Bis zum Jahre 2010 soll
sich der Straßenverkehr um 72 % erhöhen. Ab 50 Km/h dominiert das Rollgeräusch
über das Geräusch des Explosionsmotors, so daß selbst Elektro- und Solarautos bei
höheren Geschwindigkeiten keine akustische Entlastung brächten.
> LkWs werden durch Termingeschäfte
zu rollenden Lagern. Auch ihre Zahl wird in den nächsten Jahren drastisch steigen,
besonders im Zuge der Erweiterung der EU.
> Flugbewegungen nehmen entsprechend
der Abnahme der Flugpreise zu.
Berlin ist schon heute eine der
lautesten Städte Europas, die lauteste in Deutschland. Jedes Jahr gibt es in
Berlin einen Lärmtoten. Zu Beginn dieses Jahrtausends wird die Hälfte der Menschen
in Ballungsgebieten, Städten mit über 20 Mio Einwohnern leben. Es werden 80 %
aller Menschen nicht gebraucht werden. Zurückgeworfen auf Nichtstun, Warten und
Elend wird es in den Städten flächendeckend und um die Uhr aus Tonwiedergabegeräte
schallen.
In der BRD verbreiten rund um
die Uhr ca. 180 Radiostationen 230 Programme, von denen die meisten monotone Rhythmen,
dudelnde Klassik, hektische Nachrichten, gellende Sportberichterstattung ausstrahlen.
20 % bundesdeutscher Radiohörer befürworten die Etablierung der RockRadios. Rock
wird mit lautem sound konsumiert von einer Jugend, die zu großen Teilen schwerhörig
ist!
Letzte Inseln der Ruhe in Stadt
und Natur werden durch Besiedlung und/oder Tourismus zerstört werden. Selbst
Gotteshäuser öffnen mit "Sacropop" dem Zeitgeist ihre Türen. Die "Victory
Albridge"-Gemeinde bringt ehemaligen Drogenabhängigen Gottes message mit
der Droge "Lautstärke" bei: Hip-Hop-Musik und junge Mütter mit ihren
Kindern vor dröhnenden Lautsprechern.
Das Problem ist seit einem Jahrhundert
und in Zukunft nicht die natürliche Lautstärke. Mit ihr ist der Mensch aufgewachsen.
Das Problem ist die Verstärkung von Schallereignissen und deren erdumspannende
Vervielfältigung. Es wird in den Ballungsgebieten rund um die Uhr schallen,
auf der Straße, aus der Ampel, aus den Automaten, in der Bahn, im Bus, im Auto,
im Flugzeug, im Einkaufszentrum, beim Arzt, im Operationssaal, aus den
Eingeweiden, aus dem PC, im Büro, in der Wohnung, aus dem Spiegel, aus der
Kleidung, beim Nachbarn, aus der Zigarette, aus der Zimmerpflanze, bei der
Geburt, in der Wiege, im Sarg, am (oder im?) Grab. Es wird in der Natur
schallen, am Meer, am See, unter Wasser, auf den Bergen, im Wald, auf dem Feld.
Der Mensch wird die Natur überschallen. Es gibt keine Vision, die nicht
übermorgen Wirklichkeit werden könnte. Der Mensch ist dabei, sich akustisch
derart aufzublähen, daß ich den Tod der irdenen Geräusche voraussage. Heute
wird das Artensterben beobachtet, doch bevor die Arten aussterben, ist ihr
Klang ausgestorben. Selbst in den Filmen über die Tiere, die morgen aussterben
werden, habe ich keine Chance mehr, den durchaus eingefangenen Tiergeräusche
zuhören und mich von ihnen verabschieden zu dürfen. Stattdessen dudelt mir eine
abartige menschliche
Synthesizer-Komposition entgegen.
Der Mensch wird die Monoakustik
auf der Erde schaffen. Wir werden in absehbarer Zeit nur noch uns und unsere
akustische Welt kennen. Die akustische Versklavung der Erde hat begonnen.
Möglicherweise wird der Mensch über dieses Experiment taub?
3. Lärmverursacher
Statistik
Lärmverursacher in der Bewertung
der Alt-Bundesdeutschen nach einer Meinungsumfrage des UBA geordnet:
Sraßenverkehr (LkWs, PkWs, Motorräder,
Mopeds)
Flugverkehr, incl. Militärflüge
Beschallungsanlagen, Hausmusik, Parties,
Hunde von Nachbarn
Industrie, Gewerbe, Bautätigkeit
Schienenverkehr
naheliegender Sportplatz
Weitere Lärmverursacher sind:
Kriege, Schiffahrt, Straßen-
und Wohnungsbau, Arbeitsmaschinen und -geräte, Tonwiedergabegeräte, Heimwerkergeräte
und Haushaltstätigkeiten, der lautstarke (schreiende, grölende, brüllende, kreischende)
Mensch selbst, Haustiere, Sport- und Freizeitveranstaltungen.
4. Lärmwirkungsforschung
Physiologie - Menschliches Gehör und Hörbereich
> Schallereignisse verändern
den Luftdruck, der auf den menschlichen Körper und auf das Trommelfell des
Ohres einwirkt. Die Schallwirkung auf den Körper nennen wir "Fühlen",
die Einwirkung auf das Ohr "Hören". Das Ohr ist, wie alle Sinne,
entwicklungsgeschichtlich aus der Haut hervorgegangen.
> Wenige Tage nach der Befruchtung
der weiblichen Eizelle sind bereits Ansätze zu mikrokoskopisch kleinen Ohren
nachweisbar. In der Hälfte der menschlichen Schwangerschaft ist das Ohr als
einziges Organ vollständig, in seiner vollen Größe, ausgebildet. Der Fötus,
der noch voll vom Mutterleib abhängig ist, kann eines bereits allein: Hören!
Das Ohr ist somit das erste Organ,
das Hören der erste Sinn für Raum und Zeit. Die Aneignung des Raumes für den
Menschen ist schallbedingt.
Wenn der Mensch stirbt, wenn
alle seine Sinne verlöschen, kann der Mensch noch hören. Joachim-Ernst Berendt:
"Wenn wir aufhören zu hören, hören wir auf."
> Das menschliche Ohr verfügt
über eine sehr große Spanne zur Wahrnehmung des Schalldrucks. Es vermag Geräusche
zu hören, die so schwach sind, daß das Trommelfell um weniger als den
Durchmesser eines Wasserstoffmoleküls schwingt. Schwingungen dieser Kleinheit
können wir mit bloßem Auge nicht wahrnehmen! Bereits eine Schwankung um den
10milliardsten Teil des atmosphärischen Luftdrucks reicht dem menschlichen Ohr
aus, um als Schalldruck und damit als Ton wahrgenommen zu werden. Der Mensch
ist imstande, das Summen einer Mücke durch ein geschlossenes Fenster zu hören,
obgleich die Stärke des ihn erreichenden Schalls nicht mehr als ein
Billiardstel eines Watts (10-15) betragen
dürfte.
> Die Spanne zwischen seiner
Hörschwelle und seiner Schmerzgrenze erstreckt sich auf über das 3-Mio-fache.
Eine Spanne, an der ein Auge vergleichsweise erblinden würde. In der Akustik
wurde eine Meßskala aufgebaut, die logarithmische Schritte macht, wodurch sich
die Spanne von 1 dB (Hörschwelle) auf 130 dB (Schmerzgrenze) "reduziert".
> Ein gesundes menschliches
Ohr nimmt die Schwingungen von ca. 20 Hz in der Tiefe bis etwa 20 000 Hz
im oberen Bereich wahr. Infraschall ist <
als 20 Hz, Ultraschall ist >
als 20 000 Hz. Töne um 16 Hz, z.B. die tiefsten Pedaltöne der Orgel, erscheinen
dem Ohr jedoch nur als vibrierendes Brummen. Dagegen wirken die hohen Töne der
Pikkoloflöte um 3 500 Hz auf uns schrill und zum Teil schon schmerzhaft.
> Das menschliche Ohr ist
nicht für alle Frequenzen gleich empfindlich. Die größte Hörempfindlichkeit liegt
zwischen 1 000 und 4 000 Hz. Darunterliegende und darüberliegende Töne nehmen
wir vergleichsweise leiser wahr als Töne mittlerer Frequenz. Tiefe, laute Töne "berühren"
oder "erschüttern" allerdings noch spürbar den Körper.
Der Sprach- und Gehörforscher
Alfred A. Tomatis hält das Ohr für das wichtigste "Organ der Menschwerdung",
das Hören für den am frühesten entfalteten menschlichen Sinn.
In unserem Innenohr enden die
meisten Nervenbahnen, dreimal soviel als in unserem Geschlechtsorgan. Damit
ist das Ohr das sensibelste Organ. Das englische Wort "listen", das
schweizerische "lossen" für Hören gehen auf den gleichen Sprachstamm
wie "Lust" zurück. In den meisten menschlichen Kulturen steht (stand)
das Hören an erster Stelle, dann das Fühlen, dann erst das Sehen.
Über das schallübertragende Medium
Luft erfolgt die Umwandlung der akustischen Reize in nervöse Impulse, die im Steinzeithirn (Harmonien
und Vokale) und in den linken und rechten Hörzentren der Großhirnrinde (Sprache,
Inhalt) in unterschiedliche Informationen geordnet und weiterverarbeitet werden.
(Hörvermögen ist von der Sprachfähigkeit nicht
zu trennen. Seit der Werkzeugzeit des Menschen sind bei ihm Hör- und
Sprachfähigkeit unmittelbar verbunden. Hörschädigungen isolieren doppelt von
der Gesellschaft. Sprachgeschichtlich kommt "dumm" über "tumb"
von "taub". Gehörlose müssen allerdings nicht "dumm" bleiben.
Ihre Gebärden"Sprache" ist ein reiches, der Sprache nicht
unterlegenes Kommunikationsmittel!)
... Sprache und Gebärdensprache
haben im Gehirn das gleiche Zentrum ...
Die gleichzeitig
vermittelten emotionalen Zustände und Persönlichkeitsmerkmale entschlüsselt das
Stammhirn über die
aus der Frühzeit der evolutionären Entwicklung angelernten akustischen Strukturen,
den Höhen und Tiefen, Stimmodulationen und Betonungen.
Der lautstärkeverliebte
Mensch moderner Zivilisationen neigt dazu, sein Ohr mit den höchsten Werten des
ihm zugänglichen Hörbereiches zu strapazieren. Das Auge kann geschlossen
werden. Das Ohr nicht, was entwicklungsgeschichtlich seine Gründe im Überleben
der Spezies Mensch hatte.
Bei der Lärmwirkungsforschung herrscht
Einigkeit darüber, daß der Störfaktor "unerwünschter Schall", d.h. "Lärm"
schon immer psychologischer Bestandteil der Umwelt des Menschen war, weshalb
die Erwägung der "Gewöhnung" an Lärm obsolet ist. Das Ohr wurde auf
Wahrnehmung von Gefährdung des eigenen Überlebens hin entwickelt; die
differenzierte Wahrnehmung, Sondierung, Einschätzung und Wertung von Schallereignissen
war Sinn dieses Sinnesorganes.
Die Zukunft wird zeigen, ob sich
die Physiologie doch noch an die Umwelt anpaßt oder ob die Psyche sich gegen
diese einseitige Nutzung wehren wird. Vielleicht entwickeln sich nach immensen
Zeiträumen evtl. "Lamellenohr" und "Schallschluckhaut". Der
Mensch scheint diese Entwicklung mit Hörkapseln, Kopfhörern, walkmen, Ohropax
und Schallschluckmaßnahmen vorwegnehmen zu wollen.
Derzeit gilt: "Lärm
macht krank".
Medizin
Lautstärke wird als Schadstoff für das
Gehör eingestuft. Das Gehör kann seine Spitzenleistungen nur mit entsprechendem
Energiezufuhr vollbringen. Der Energiebedarf der Haarzellen hängt von der Schallenergie
ab, die im Innenohr eintrifft. Die Energieversorgung der Haarzellen ist aber
keineswegs auf die Schallpegel zugeschnitten, die heute auf uns einstürmen: an Maschinen, Verstärker, Lautsprecher oder Kopfhörer ist unser Ohr physiologisch nicht angepaßt. Es ist
überfordert und nimmt Schaden.
Föten, Säuglinge, Kinder: Lautstärke
schädigt Neugeborene: Je lauter die Mitwelt ist, in der der Fötus ausgetragen
werden, desto leichter sind die Kinder. Es besteht eine regelrechte "Dosis-Wirkungs-Beziehung".
Darüber hinaus schädigt Lautstärke den noch in der Entwicklung befindlichen
Hörsinn des Ungeborenen. Lärmbelastung während der Schwangerschaft bei knapper
Mg-Versorgung kann das Fehlgeburtsrisiko erhöhen. Die Ohren von Kindern
können durch einen Besuch bei einem Rockkonzert irreversibel geschädigt werden.
Jugendliche: Mediziner,
das Hörberatungszentrum in Hamburg u.a. klagen über die Zunahme von Schwerhörigkeit
bei Jugendlichen: Ca. 5 % aller Jugendlichen werden von ihnen als "suchthafte
Lauthörer" eingestuft. Sie sehen bereits ein "Volk von Schwerhörigen"
heranwachsen. In den USA wird die Zahl schwerhöriger Musikfans bereits auf 10
Mio geschätzt.
Nach jedem Rockkonzert in der
Dortmunder Westfalenhalle, kommen 3 bis 4 Menschen mit irreversibel geschädigten
Ohren in die Klinik. An einem Abend sind von den ca. 20 000 Hörhaarzellen ca.
10 000 für immer abgestorben. Die Schalltrance wird von
Streßsymptomen begleitet.
Allgemeine Geschäftsbedingungen
für den Besuch von Rock-, Pop-musikkonzerten der Concert Concept Veranstaltungs
GmbH Berlin:
"4. Bei Rock- und Popkonzerten besteht aufgrund der Lautstärke die Gefahr von Hör- und Gesundheitsschäden." Die meisten
Musiker der Unterhaltungsmusik-Branche sind schwerhörig, sie nehmen keine
Obertöne mehr wahr.
Auch Stereokopfhörer von tragbaren
Radios oder walkmen sind der Tod ungezählter Hörzellen. Schon im unteren
Bereich erreichen die Geräte 85 dB(A). Spitzenwerte liegen bei 115 dB(A). Schon
zwei Minuten Musik dieser Lautstärke hat dieselbe Wirkung wie acht Stunden Arbeit
ohne Gehörschutz bei 90 dB(A). Den walkman kann man mit der "Düse eines
Feuerwehrschlauchs" vergleichen, der tief in den Ohrkanal vordringt.
In Brandenburg, dem Land der
BRD mit der höchster Unfallrate der BRD, geschehen die meisten Unfälle nach dem
Besuch von Discos. Als Ursache wird der Alkoholkonsum registriert. Der Konsum von
Lautstärke und ihre Einwirkung auf den Organismus werden als Ursache noch vernachlässigt.
Erwachsene: 15 Mio
BRD-Bürger sind schwerhörig. 8 Mio Bundesbürger sind anderweitig durch Lärm
geschädigt. Herz, Blutdruck und Kreislauf haben starken Schaden genommen. Man
lebt länger, ist aber vorzeitig verbraucht. Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden
entscheidend durch Lärm als Stressor verursacht.
Schwerhörigkeit ist ein
irreversibler Schaden
am menschlichen Ohr. Lärmschwerhörigkeit wurde kausal von Lärm verursacht. Die
Art der Lärmschäden ist signifikant: Unterschiedliche Lärmereignisse schädigen
das Ohr unterschiedlich.
Das Risiko eines lärmbedingten
Hörverlustes hängt vom Lärmpegel und der Einwirkungszeit ab, nicht aber davon,
ob man den Schall als angenehm oder unangenehm empfindet.
Die Erfahrungen und Grenzwerte betreffend Lärm am Arbeitsplatz gelten deshalb
auch für Musik, wie Untersuchungen an Rockmusikern und Mitgliedern von Orchestermitgliedern
bestätigen. Ein Orchestermusiker ist schon ohne Elektroverstärkung 95 dB(A) ausgesetzt,
was der Intensität einer Kreissäge entspricht. Sie müßten Gehörschutz tragen.
Die Gefährdung der Schlagzeugern ist die höchste. Dirigenten nehmen auf dieses
Berufsrisiko keine Rücksicht.
Hörsturz, Morbus Menière und Tinnitus sind Ohrenerkrankungen
mit vielen Ursachen. Sie können auch durch Dauerstreß, wie er durch andauernde
und/oder extreme Lautstärken hervorgerufen werden, Erkrankungen in der technisierten
Zivilisation. In allen Fällen handelt es sich um körpereigene Störgeräusche im
Ohr oder Kopf.
Beim Hörsturz (Gehörinfarkt)
handelt es sich um einen Infarkt des Innenohres mit Hörverlust. Man nimmt eine
Durchblutungsstörung des Innenohres mit Unterversorgung von Sauerstoff an.
Der Morbus Menière ist Hörverlust
mit Schwindel, Beklemmungen und ständigem Ohrsausen.
Der Tinnitus bezeichnet Geräusche,
wie Klingeln u.v.a. mehr, im Ohr. Mediziner sehen auch Alkohol, Nikotin und
Psychostreß beteiligt an der Krankheit beteiligt. 8 Mio Bundesbürger, jeder zehnte,
leiden unter Tinnitus. Tinnitus breitet sich aus wie eine Epidemie. Geschädigte
dieser Art sind besonders geräuschempfindlich. Die Liga für Tinnitus-Geschädigte
hat 20.000 Mitglieder in der BRD.
Tinnitus und Morbus Menière können
Folgen eines Hörsturzes sein und ihre Heilungschancen sind bereits weitaus
geringer aus die des Hörsturzes. Neben den Ohrgeräuschen haben alle drei
Erkrankungen eines gemeinsam: Sie sind eine Aufforderung des Körpers an "seinen"
Menschen, über sich und sein Leben nachzudenken - und seine Lebensgewohnheiten
nach Möglichkeit zu ändern.
Über 20 % der Bevölkerung der
BRD sind infolge Dauerlärmes schwerhörig oder leiden an Tinnitus oder an Hörsturz.
"Streß" sind
Reaktionen des Organismus auf Ausnahmesituationen. Streß ist ein Alarmzustand
des Körpers, seine "Mobilmachung". Das Vegetative Nervensystem
mobilisiert über Streßhormone aus der Nebenniere Energie, um der "Gefahr"
entrinnen zu können. Sie blockieren die Synapsen, um reflexhafte Reaktionen zu
ermöglichen. Es zeigen sich Streßsymptome wie Bluthochdruck, Schweißausbruch,
Herzrasen u.a.m.
Streß ist aber auch der Versuch,
das physiologische Gleichgewicht (Homöostase) des Organismus wiederherzustellen.
Je nach Auswirkungen und physiologischer
Belastung durch die Streßreaktion muß zwischen Eustreß und Distreß unterschieden
werden, wobei letzterer eine negative Beanspruchung darstellt. Lärm als
Umwelt-Stressor und im oben benannten Sinne von unerwünschtem und/oder zu
lautem Schall bewirkt Distreß. Er führt nicht nur zu Verdruß, Unbehagen und
Unwohlsein, er streßt und gefährdet auch den menschlichen Organismus. Bereits
bei möglichen Lärmintensitäten ab ca. 60 dB reagiert das vegative Nervensystem
mit Streßsymptomen.
Schon ein Schalldruckpegel von
50 dB hat stets eine Erhöhung der Herzfrequenz und einen Blutdruckanstieg für
die Dauer der Beschallung zur Folge. Oberhalb einer Schallstärke von 90 dB muß
ganz generell mit Gesundheitsgefährdungen gerechnet werden sowie mit Auswirkungen
des Lärms auf die Herz-Kreislauf-Funktion und das vegative Nervensystem.
Die durch Lärm verursachten psychosomatischen Erkrankungen und
nervösen Befindlichkeitsstörungen sind zu einem beachtlichen Sektor im
Spektrum der heutigen Zivilisationskrankheiten, wie den
Herz- und Kreislauferkrankungen, geworden. Der Herzinfarkt als Zivilisationskrankheit
rangiert vor Krebs. In der BRD sterben jährlich ca. 2.000 Menschen an
Herzinfarkt.
Der Wahrnehmungsapparat (Schallsensor)
für Luft- und Körper-Druckschwankungen sind beim Menschen nicht nur die Ohren,
sondern der ganze Körper. Der Mensch "hört" Infraschall (niedriger
als 20 Hertz) nicht mehr, starken Infraschall kann er aber "fühlen".
Dieses Faktum wird in Maßnahmen und Gesetzen gegen Lärm erheblich vernachlässigt.
Menschen können auch durch hörschwellennahe (10 dB) tieffrequente (20 Hertz)
Geräusche erheblich beeinträchtigt werden. Die durch leises Brummen oder
Grollen hervorgerufene Störung der Aufmerksamkeit und Konzentration kann die Leistungsfähigkeit
des Menschen negativ beeinflussen.
Eine weitere Gefahr für den Organismus
ist die mögliche Resonanz, die dadurch
entsteht, daß z.B. dem Herzrhythmus entsprechende Musikrhythmen dauerhaft auf
den Organismus einwirken. Phasengleiche Schwingungen verstärken sich. Es kann
zum kritischen Resonanz-Punkt kommen, an dem der Organismus Schaden nimmt. Wir
Alle kennen das Beispiel der unter dem Gleichschritt zusammenbrechenden
Brücke.
In der Psychotherapie wird das
Wissen um körpereigene Geräusche, Rhythmen, Schwingungen und ihre Beeinflußbarkeit
methodisch und natürlich zum Wohle des Patienten eingesetzt. Beim Biofeedback werden
zunächst unbewußte Körperfunktionen wie u.B. Puls durch Instrumente
aufgezeichnet und dann akustisch oder optisch wahrnehmbar gemacht. Sie werden
damit beeinflußbar.
Hirnforscher in Boston fanden
heraus, daß Legastheniker falsch schreiben, weil sie schlecht hören. Mir scheint
dieser nachvollziehbare Umstand eine traurige Aussicht in Anbetracht der vielen
Kinder, die durch Lautstärke gehörgeschädigt zur Welt kommen oder in früher
Kindheit geschädigt werden.
Diese und neue Phänomene rücken
immer mehr in das Blick- und Untersuchungsfeld von Wissenschaftlern, Medizinern,
Physiologen, Psychologen, Verhaltensforschern, Biologen, Soziologen,
Umweltingenieure u.a.
Hyperakusis ist das
Phänomen, nach dem u.a. musikalische Menschen Geräusche mit größerer Intensität
wahrnehmen. Auch Schäden am Mittelohr können dieses Phänomen zur Folge haben.
Psychologie
Schall ist ein physikalisches
Phänomen
Hören ist ein
physiologisches Phänomen
Zuhören ist ein psychologischer
Akt
Die begriffliche Metamorphose
von "Lautstärke" zu "Lärm" beinhaltet die Unterscheidung
von erwünscht und nicht erwünscht.
Verursacher von Lautstärke beabsichtigen dieselbe, dementsprechend erwünscht
ist sie. Nichtbeteiligte empfinden sie aber als etwas nicht Erwünschtes, als
Störendes an, als etwas, das Ärger bereitet, eben als "Lärm". Der
Extrakt dieses Konfliktes "Ruhe/Lärm" ist die Tatsache, daß es sich
in der Regel um Fremdbestimmung des einen Menschen durch den anderen handelt,
der sich der Betroffene kaum entziehen kann. Jemanden, der geistig konzentriert
und kreativ arbeitet, können schon Geräusche von 25 dB(A) stören. Einem
Besucher von Musikveranstaltungen mit Schallpegeln zwischen 83 bis 114 dB(A)
wird das Schallereignis als angenehm empfinden. Ihn ficht nicht der
Lautstärke-Abfall für die Mitwelt an, noch die mögliche Schädigung seines
eigenen Organismus. Schäden durch Schall hängen nämlich vom Lärmpegel und der
Einwirkungszeit ab, nicht aber davon, ob man den Schall als angenehm oder unangenehm empfindet.
Die Psychologie der Verursacher:
Der Mensch ist nicht gern allein.
Er sucht die Gesellschaft von Artgenossen. Gemeinsam ist man lustig. In Gesellschaft
wird es feucht, fröhlich und laut. 10 Artgenossen sind doppelt so laut wie
einer. "Lautsein" demonstriert "Dabeisein, Mitmachen, Mitlaufen".
Und gemeinsam ist man stark. Gegen Einzelgänger, Leisetreter, Denker, Spießer
wird gern "Krach geschlagen". Lautsein erhebt den "Kleinen Mann"
über sich selbst.
Mit Lautstärke demonstriert der
Single seine geglückte Abkapselung vom Rest der Welt. Der Einsame vertreibt mit
Lautstärke seine Dämonen. Der Benachteiligte gibt "Laut". Der Frustrierte
rächt sich über Lautstärke an der Mitwelt. Der Unterdrückte läßt Lautsprecher
seinen Kampf in die Welt schreien. Die Flucht unter den walkmen ist Reaktion
auf den alltäglichen Lärm, ist akustische Illusion.
Lautstärke wird zur Gewohnheit,
zum Fetisch, zur Droge. Besonders Dauer(musik)berieselung darf neben
Alkohol, Nikotin und Tabletten als Alltagsdroge eingestuft
werden.
Seit dem Zeitalter der elektroakustischen
Verstärkung von Schall scheinen die Möglichkeiten für die Menschheit, sich zu
vervielfältigen, vorerst unbegrenzt. Wir stehen am Beginn der raumfüllenden
Beschallung unseres Globus durch den Menschen. Diese Aussichten sind für Viele
eine göttliche, für Wenige eine apokalytische Vision.
Lautstärke ist auch ein Vehikel,
die Grenzen der Belastbarkeit des Organismus auszuloten. Aufgetürmte Boxenwände
bei Live-Konzerten, wummernde Stereoanlagen, dröhnende walkmen erzeugen
Schallwellen bis zur Schmerzgrenze und spannen Teenager und Erwachsene auf die "Lärmfolter".
Aber diese Form von "Freizeit-Vergnügen" ist Selbstverstümmelung,
die Schäden irreversibel.
Lärmverursacher können demnach
auch zu Lärmgeschädigten werden.
Die Psychologie der Betroffenen:
Der Lärmbetroffene versucht,
nicht Lärmgeschädigter zu werden. Er hat die Fremdbestimmung seiner
Selbst durch unerwünschten Schall sowie die möglichen organischen Schäden durch
Lautstärke, Streß und Ärger erkannt.
Betroffene sind in erster Linie
Menschen, die eine selbstbestimmte akustische
Umwelt brauchen und auch einfordern, um dem hohen Konzentrationsgrad ihrer
Arbeit genügen zu können; wobei unterschieden werden muß zwischen kreativer
Konzentration und manueller Konzentration. Erstere kann bereits durch unerwünschten
Schall von 25 dB gestört werden.
Es gibt organische Erkrankungen
durch Lautstärke. Aber Lärm ist nicht identisch mit Lautstärke, Lärm ist
weitgreifender. Lärm kann auch leise daherkommen, vermeidbar sein und deshalb
auf anderer Seite unerwünscht sein. Das Krankmachende am Lärm ist der Ärger
über den Lärm. Ärger über Lärm ist auch immer Spiegelbild über die Rücksichtslosigkeit
des Lärmverursachers. Egoismus, Durchsetzungswille der sogenannten persönlichen
Freiheit bestimmen den Umgang der Menschen miteinander.
So kritisch wie die Lärmbetroffenen
ihre geistige und optische Umwelt verarbeiten, so deutlich haben sie die akustische
Umweltverschmutzung erkannt, besonders den totalitären Anspruch hinter der
heutigen Beschallungstechnologie. Ihnen blieb nicht der flächendeckende,
rücksichtslose Umgang mit Beschallungsanlagen verborgen. Zu der realen
Belästigung durch unerwünschten Schall (= Lärm) gesellt sich der Unmut über die
kulturell nivellierenden Auswirkungen heutiger Massenver"laut"barungen
und Beschallungsindustrie.
Lärmbetroffene wehren sich zu
Recht gegen den Anwurf der Verursacher, die Empfindlichkeit gleich "Neurose"
setzen. Sie wehren sich dagegen, einen ihnen sehr wichtigen Sinn, das Gehör,
künstlich verstopfen zu sollen, wie es ihnen von den hilflosen Ärzten und
anderen Ratgebern geraten wird. Sie wehren sich dagegen, das Verursacherprinzip
umgedreht zu sehen, wonach der Verursacher dem Mißstand, z.B. durch Schalldichtung,
abhelfen müßte.
Lärmbetroffenheit ist kein Phänomen,
das über Gewohnheit zu einer Art Immunisierung führt. Im Gegenteil: Der
Lärmbetroffene erkrankt letztlich auch, und zwar an der anhaltenden Uneinsichtigkeit
seiner Mitwelt. Gemeinhin wird die Lärmempfindlichkeit, die mit Angst- und
Paniksymptomen einer Streßerkrankung gleicht, als "Lärmneurose" bezeichnet.
Ich wage sogar zu behaupten,
daß die bewußte Verursachung von Lautstärke, also das "Lärmen" im dem
Sinne, daß der Verursacher sich seiner Macht und des Schadens für den
Betroffenen bewußt ist, die moderne Variante von "Klassen"kampf ist.
Der Individualist in seinem Refugium ist zwangsläufig schneller Lärmbetroffener
als der Mitläufer. Extrovertiert gegen Introvertiert.
Anders steht es mit dem Verkehrs-,
Flug-, Maschinenlärm. Den macht schließlich Jeder gegen Jeden.
5. Lärmwirkungen, -schäden und Lärmschutzkosten
Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft
Fast die gesamte deutsche Bevölkerung
ist irgendwo und irgendwie lärmbetroffen. Ungefähr jeder sechste Bundesbürger
hat Hörprobleme, ca. 15 Mio Bundesbürger sind hörbeeinträchtigt, davon 2/3
altersschwerhörig. 2 Millionen Bundesbürger sind gehörgeschädigt, darunter 20
000 Kinder.
Mehr Männer als Frauen sind schwerhörig.
60 % aller Jugendlichen zwischen
19 und 21 Jahren haben Hörschäden. Die anderen dürften nicht besser hören.
Durch die effektiven Übertragungstechniken und ihre intensive Nutzung (disco,
walkman und open air concert) tragen junge Menschen erhebliche Schäden an
ihrem Gehör davon. Seit 1979 - dem ersten Sony-walkman-Jahr - ist die Anzahl junger
Leute mit Hörproblemen rapide angestiegen. Diese steigende Verbreitung von
Gehörschäden bei jungen Menschen machen die Welt noch lauter.
Die Lärmschwerhörigkeit
tritt bei höherem Bildungsniveau weniger auf, was leider ein Index auf eine gesellschaftliche
Kluft, sogar Unverträglichkeit ist.
30/40 dB dem Menschen erträgliche, nicht schädliche
Geräusche
30 dB Schlafstörungen
durch verkehrsbedingte Mittelungspegel im Raum
ab 50 dB Beeinträchtigung der Konzentration; erhöhte
Arbeitsfehler
40 dB Lern- und
Konzentrationsstörungen durch Mittelungspegel im Raum
50 dB Kommunikationsstörungen
40/60 dB erhöhte Unfallgefahr durch Überhören
65 dB Risikoerhöhung
für Herz-/Kreislauf-Erkrankungen ab 65 dB(A)
60/80 dB lästige Lautstärke, bereits als "Lärm"
definiert
70 dB beginnende
nervöse Erscheinungen
75 dB Beeinträchtigung
der Sprachverständlichkeit
85 dB Gehörschädigung
ab 85 dB(A) am Ohr des Betroffenen
85 dB können das
Innenohr schädigen; Lärmschwerhörigkeit und Lärmtaubheit
90/145 dB Schädliche Lautstärke
90 dB äußerste Grenze
vor Gehörschäden bei längerer Einwirkung
120 dB Schmerzschwelle; Gehörschädigung auch bei kurzzeitiger
Einwirkung
140 dB Verbrennungserscheinungen
Von allen Umweltbelastungen ruft
Lärm bei Menschen höchste Betroffenheit hervor. Lärm ist das Umweltproblem Nr. 1. Lärm,
insbesondere Verkehrslärm, den 60 % der BRD als stärkste Umweltbelastung
empfinden, schränkt die Lebens- und Wohnqualität der Bevölkerung beträchtlich
ein; z.B. 1986:
65 % der Bundesbürger fühlen sich belästigt
durch Straßenverkehr
48 % Flugverkehr
30 % laute
Nachbarn
22 % Industrie,
Gewerbe, Bau
20 % Schienenverkehr
14 % naheliegenden
Sportplatz
Kosten für Staat und Soziales Netz
Die jährliche Kosten aus Umweltschäden
in der BRD betragen ca. 103 Mia DM; davon
entstehen:
48,0
Mia DM aus der Luftverschmutzung
32,7
Mia DM aus der Lärmverschmutzung
16,7
Mia DM aus der Gewässerverschmutzung
5,2 Mia DM aus
der Bodenzerstörung
Die Aufwendungen für erforderliche
Abwehrmaßnahmen durch die öffentlichen Haushalte, die sogenannten "Lärmschutzkosten"/Jahr:
> Für Lärmschutz an Bundesstraßen 250 Mio DM
> Millionenbeträge für Schallschutzfenster-Programme
> Für Forschungs- und Entwicklungsvorhaben
zum Lärmschutz zwischen 1976-85 180 Mio DM plus 80 Mio DM von Industrie- & Wirtschaftsverbänden
> 101,4 Mio DM (1984) für steuerlich begünstigte
Lärmschutzinvestitionen nach § 7 EStG
Diese wenigen Lärmquellen (Arbeitsplatz
und Straßenlärm) und die wenigen Lärmschutzmaßnahmen verursachen bereits
jährlich Kosten von mindestens 35 Mia DM/Jahr. Weitere
Lärmquellen wie Flugverkehr, Schienenverkehr, Baustellen, Freizeitaktivitäten,
Nachbarschaft sind in dieser Verlustrechnung überhaupt nicht enthalten.
Die arbeitsplatzbedingte Lärmschwerhörigkeit
ist seit 1974 mit einem damaligen Anteil von ca. 40 % Berufskrankheit Nr. 1
geworden. 1985 zahlte die Berufsgenossenschaft Renten an ca. 25 000
Lärmgeschädigte. Derzeit bewegt sich der jährliche Gesamtaufwand für
Lärmrenten in einer Größenordnung von 500 Mio DM.
Jährlich kommen ca. 2 000 Fälle dazu. Geht man von einem Grenzwert von 85 dB
aus, dann sind ca. 4 Mio Arbeitnehmer erheblichen Lärmbelastungen ausgesetzt.
(1981)
Auswirkungen und Kosten auf die Wirtschaft
Die lärmbedingte Verringerung
der Arbeitsproduktion verursacht unserer Volkswirtschaft jährlich ein um 3 Mia DM/Jahr
geringeres Bruttosozialprodukt.
Die Lärmschwerhörigkeit ist die
dritthäufigste Berufskrankheit.
Die Zunahme der beruflich bedingten
Lärmschwerhörigkeit ist explosiv: ca 60 % aller neu zu entschädigenden
Berufskrankheiten entfielen 1970 auf die Lärmschwerhörigkeit.
Wegen eventuell zu früh fällig
werdender Rentenansprüche und um später zwischen Arbeitsschwerhörigkeit und
privater Schädigung trennen zu können, prüfen Firmen indessen das Gehör der
Bewerber bei Einstellungsgesprächen.
Der Einfluß des Straßenlärms
auf die Höhe des Mietzinses ist gigantisch: Fast 30 Mia DM beträgt
die jährliche Summe (1981) der straßenlärmbedingten Mietzinsminderung. Ebenfalls
fast 30 Mia DM/Jahr
wert sind den betroffenen Bundesdeutschen Maßnahmen zur Reduzierung des Straßenlärms
auf 30 dB.
300 Mio DM/Jahr
(81) für Lärmschutzinvestitionen des Gewerbes
und der Industrie, exclusive der Betriebskosten, die ca 60 % dieser Investitionen
ausmachen
Private Aufwendungen der vom
Straßenlärm betroffenen Bürger für Ohropax, Schlaftabletten (15 DM/Jahr/Person),
Erholungsfahrten und Umzugskosten ergeben für die BRD 1986 den Wert von ca. 2 Mia DM/Jahr.
Lärmwirkungen auf Fauna und Flora
Schallrezeption von Fauna und
Flora und die Schäden durch menschgemachte Geräusche auf sie sind so komplex, daß
sie den Rahmen dieses Referates sprengen würden. Deshalb nur wenige Beispiele:
Der Krach von Bohrungen im Meer
nach Öl, von Unterwassersprengungen und Eisbrechern zerstört die sehr empfindlichen
Gehörorgane vieler Fische und Säugetiere im Meer. Auch dadurch nehmen die
Fischbestände ab. Wale verlieren die Orientierung und stranden an den Küsten,
wo sie dann verenden. Fische können durch akustische Signale in den Atemstillstand
getrieben werden. Ein sensibler Schallsensor bei Fischen ist die "Seitenlinie"
am Körper.
Das Vogelohr spricht rund zehnmal
schneller auf Melodieschwankungen an als das menschliche Ohr.
Bei Tiefflügen und Erschütterungen
geraten Tiere in Panik. Nerzmuttertiere beißen wegen der "drohenden Gefahr"
Tiefflug ihre Jungen tot.
Anthropogener Lärm läßt Pflanzen
und Tiere sterben.
Auch Pflanzen reagieren stark
auf Schall, sowohl positiv als auch negativ.
6. Lärmschutz
Prophylakse - Erziehung und Aufklärung
> In den USA ist der Noise Awareness Day ins Leben
gerufen worden. Indessen gehen Bestrebungen dahin, ihn am 29. April weltweit
als "Lärmschutztag" einzurichten.
> Hinführung der Jugend zur
Wertschätzung der Stille
durch entprechend orientierte Eltern, Kindergärtner und Lehrerinnen.
> Aufklärung des Menschen
in Familie, Schule, Ausbildungsstätten, Betrieben, Gewerkschaften über Gefahren
möglicher Hörschäden.
> Erschwerend ist die Ambivalenz des Menschen
allgemein. So auch in Bezug zum Lärm. Er legt zweierlei Maß an, je nach seiner
Situation als Betroffener oder als Verursacher. Der Autofahrer verursacht
Straßenlärm, beklagt sich dann in seiner Wohnung über denselben. Er ärgert sich
über das Radioprogramm seines Nachbarn, beschallt aber selbst den Hof bei
offenem Fenster. Das lärmarme Verhalten müßte also beim Einzelnen zuerst
einsetzen.
> Das Bewußtsein darüber,
daß Schall bei der Mitwelt unerwünscht sein und Schäden hervorrufen kann, muß
entwickelt werden.
> Egoismus, Durchsetzungswille
für die sogenannte "persönliche Freiheit" und Rücksichtslosigkeit
müssen überwunden werden, damit Lärm als störender Faktor anerkannt werden
kann. Streß und Frustration müssen sowohl als Ursache als auch als Wirkung von
Lärm erkannt werden. Rücksichtnahme und Altruismus
sollten wieder Werte unserer Gesellschaft werden.
Vorbeugung durch Vermeidung
Die beste und kostengünstigste Möglichkeit der Lärmminderung ist und bleibt die Vermeidung von
Lärm! Darum muß die Motivierung zu
lärmarmen Verhalten vorrangiges Ziel sein. Die Motive, Lärm zu verursachen oder
zu vermeiden, sind vielfältig. Es wäre aber bereits viel erreicht, wenn über
Beweggründe des Verhaltens häufiger nachgedacht würde. Der Einzelne muß in
jedem Lebensbereich Lärm so einsparen, wie er andere Energie einsparen sollte,
Lärm so vermeiden, wie er Abfall vermeiden sollte.
> An der Geräuscherzeugung
wirkt jeder Einzelne entscheidend mit, so daß Verhaltensänderungen zu einer
spürbaren Entlastung für Jeden führen könnten. Lärmbewußtes Verhalten sollte
zu einer Frage von Erziehung und Lebensstil werden. Jeder Mensch muß seinen
Gebrauch von Maschinen und Apparaten, die Lärm machen, in Frage stellen und
reduzieren.
> Besonders der Autofahrer muß lernen,
sein Auto lärmarm einzukaufen und zu fahren, was auch auf die Musikbeschallung
des Straßenraumes aus dem Autoradio zutrifft.
> Die Übertragungstechnik-Industrie muß daran
gehindert werden, die Verstärkerleistungen zu steigern, da sonst Gehörschäden
auch bei kürzester Einwirkung nicht ausbleiben werden.
> Die Autoindustrie muß daran
gehindert werden, immer noch schnellere Autos anzubieten.
> Mega- und Giga-Veranstaltungen müssen
wieder auf ein dem menschlichen Wahrnehmungsapparat entsprechendes Maß reduziert
werden. Motorsportveranstaltungen sollten verboten werden.
Wissenschaft, Forschung und Technische Maßnahmen
Globaler Lärmfaktor Nr. 1 ist
der Straßenverkehr und dennoch fahren die Autos noch mit "Explosionsmotoren" über
die Straßen. Der Forschungsetat für die Solarenergie beträgt
einen Bruchteil des Etats für Atom- und herkömmliche Energien. Es wäre Zeit,
den Etat gewaltig aufzustocken, weil solarbetriebene Maschinen auch leiser
sein werden.
Technische Maßnahmen stellen
einerseits Schadensbegrenzung durch rechtzeitigen Lärmschutz dar, als auch Nachsorge:
> Schallschutz im Haus- und
Wohnungsbau (Bewuchs von Fassaden, Luftschalldämmung der Trenndecken und -wände
und der Fenster, Schallschutzfenster, Körperschalldämmstoffe unter Klavierfüße,
Akustikverkleidungen "Wohnen ohne Lärm", Schallisolierungen an
Heizungs- und Sanitäranlagen, richtige Stellung der Gebäude ...
> Schallschutz im Arbeitsbereich
(geblimpte Maschinen, Schall-schluckmaterialien Gehörschutzstöpsel, Gehörschutzkapseln,
Gehörschutzkappen (Schallschutzhelme), räumliche Trennung von Maschine und
Mensch, Lärmpausen ...
> Schallschutz im Städtebau:
Überbauung der Straße, Überdeckung der Straße, Straßenführung im Tunnel,
Troglage der Straße, Tieflage der Straße, Hochlage der Straße, Wälle mit
aufgesetzter Schallschutzwand, Schallschutzwände Schallschutzwälle, Schall-schutzmöbel,
Antischall-Schirme, Antischall-Bepflanzungen ...
> Flächenhafte
Verkehrsberuhigung, Geschwindigkeitsbeschränkungen
> Weiterentwicklung lärmarmer
Geräte
> Minderung der Antriebsgeräusche
von Kraftfahrzeugen
> Schallschutz entlang den
Autobahnen: offenporige, schallabsorbierende Fahrbahnberläge, Mauern, Schirme,
Wände ...
> Auf der Duisburger Akustiker-Tagung
war zur Lärmbekämpfung eine zweite Geräuschquelle, die "Anti-Noise" oder
"Anti-Vibration", im Gespräch, die auf elektronischem Wege die Schallquellen
gegenphasig zu der zu bekämpfenden Lärmquelle kompensiert.
Politische Grundsätze
"Den Menschen vor Lärm zu
schützen, ist zum wichtigen Gebot verantwortlicher Umweltpolitik geworden"
"Der Lärm ist an der Qelle
zu bekämpfen, insbesondere indem lärmmindernde Konstruktionen entwickelt werden"
"Lärmbewußtes Planen hat
Vorrang vor nachträglichem Sanieren"
"Lärmmindernde Verhaltensweisen
sollen gefördert und belohnt werden"
"Marktwirtschaftliche Mechanismen
sollen genutzt werden"
"International abgestimmte
Regelungen sollen festgeschrieben, ggf. durch nationale Maßnahmen ergänzt werden"
Gesetzgebung und administrative Maßnahmen
> Der Lärmschutz-Gesetzgebung
liegt das Verursacher-Prinzip zugrunde.
Es sollte im Alltag nicht mehr ins Gegenteil verkehrt werden.
> Rechtliche Festlegung von
Grenzwerten und die Überwachung ihrer Einhaltung aufgrund von Verordnungen, Allgemeinen
Verwaltungsvorschriften, Unfallverhütungsvorschriften und Technischen Regelwerken
(z.B. DIN-Normen)
> Ausweisung besonders zu
schützender Gebiete einschließlich der Festlegung von Lärmschutzbereichen für Flugplätze
> Zeitliche Beschränkung von
Handlungen, die Lärm verursachen (Einhaltung von Mittags- und Sonntagsruhe)
> Die Gewährung von Benutzervorteilen
für besonders lärmarme Erzeugnisse
> Berlin: Von der Verlagerung
der Zuständigkeiten für den "verhaltensbedingten Lärm" in die Bezirke
versprechen sich die Politiker eine wirksamere Lärmbekämpfung
> EG-weit sollen 80 dB als
Richtwert für alle Fahrzeuge eingeführt werden
Kritik: Geräusche
werden subjektiv sehr unterschiedlich wahrgenommen. Lärm als psychologischer
Faktor lässt sich nicht allein über technische Faktoren bestimmen. Die
praktizierte technische Lärmmessung berücksichtigt z.B. nicht die Penetranz
eines Schallereignisses. Einbezogen werden in die Beurteilung über Lärmbelästigungen
müssten soziale, psychische und medizinische Aspekte. Das jedoch leisten die
Vollzieher der Lärmschutzverordnungen (Behörden, z.B. die Polizei) nicht.
Ihre Ausbildung ist nicht oder ungenügend gegeben. Sie legen unzulässigerweise
subjektive Eindrücke als Maßstab für subjektive Empfindungen Anderer an.
7. Lärmschutzrecht, Gesetze und Verordnungen
siehe Broschüre "Wer leise
lebt, lebt besser", SenStadtUm Berlin;
siehe Broschüre "Luftreinhaltung
- Lärmbekämpfung", BMU
8. Zuständigkeiten
siehe Broschüre "Wer leise
lebt, lebt besser", SenStadtUm Berlin;
Die Autorin der vorliegenden Arbeit wurde von der Gesellschaft
für Lärmbekämpfung eV, Berlin, Herr Bramigk, sowie vom Institut für
Streßforschung, Herrn Prof. Hecht, beraten und unterstützt. Sie dankt ihnen für
ihre Mühe.
© Copyrights by Ute Becker –
Berlin
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